Als Alain Prost beim Großen Preis von Portugal 1993 seinen vierten Weltmeistertitel sicherte, hatte die Formel 1 einen technischen Entwicklungsstand erreicht, der nur wenige Monate später bereits Vergangenheit sein sollte. Sein Williams FW15C verfügte über eine aktive Radaufhängung, Traktionskontrolle, Servolenkung, Bremskraftunterstützung und schließlich ein Antiblockiersystem. Das Getriebe konnte selbstständig schalten, die Fahrzeughöhe wurde während der Fahrt elektronisch verändert und auf den Geraden ließ sich sogar der Luftwiderstand reduzieren. Was heute nach einer Sammlung unterschiedlicher Fahrhilfen klingt, war tatsächlich ein zusammenhängendes technisches Konzept.
Der FW15C war deshalb nicht einfach der elektronisch aufgerüstete Nachfolger des überlegenen FW14B von 1992. Er war der Versuch, einen Formel-1-Wagen von Beginn an um die Möglichkeiten elektronischer Regelung herum zu konstruieren. Adrian Neweys Aerodynamik lieferte dabei ebenso einen Beitrag wie Patrick Heads technische Leitung, Paddy Lowes Softwareentwicklung und Renaults V10-Motor. 1993 trafen diese Bereiche so konsequent aufeinander, dass der Williams weniger wie eine Ansammlung einzelner Systeme wirkte als wie ein vernetztes Fahrzeug. Darin lag seine eigentliche Stärke.
Der FW14B hatte Williams gezeigt, was möglich war
Der unmittelbare Vorgänger hatte die Formel-1-Saison 1992 bereits beherrscht. Nigel Mansell gewann neun Rennen und wurde fünf Läufe vor Saisonende Weltmeister. Williams hatte seine ursprünglich konventionelle Konstruktion FW14 für den FW14B mit einer aktiven Radaufhängung weiterentwickelt. Das System ermöglichte es, die Bodenfreiheit wesentlich genauer zu kontrollieren und damit die Aerodynamik in einem günstigeren Arbeitsbereich zu halten. Der enorme Leistungssprung überzeugte Williams davon, dass die aktive Fahrzeugkontrolle mehr sein konnte als lediglich eine Ergänzung eines bestehenden Autos.
Gleichzeitig offenbarte der FW14B die Grenzen dieses Ansatzes. Das ursprüngliche Chassis war nicht speziell für die hydraulischen Aktuatoren und die dazugehörige Elektronik entwickelt worden. Leitungen, Komponenten und Aufhängung mussten in eine vorhandene Konstruktion integriert werden. Auch Adrian Newey konnte die Aerodynamik nur nachträglich auf die wesentlich stabilere Fahrzeugplattform abstimmen. Für den FW15 sollte genau dieses Problem verschwinden: Fahrwerk, Chassis und Aerodynamik wurden nun gemeinsam um die aktive Regelung herum entwickelt.
Eigentlich hätte der FW15 schon 1992 fahren sollen
Die Entwicklung des neuen Autos hatte bereits 1991 begonnen. Ursprünglich plante Williams, den FW15 während der europäischen Rennen der Saison 1992 einzusetzen. Doch die Wintertests veränderten diese Planung. Der mit aktiver Radaufhängung ausgestattete FW14B erwies sich als derart überlegen, dass ein Modellwechsel vor allem ein unnötiges Zuverlässigkeitsrisiko bedeutet hätte. Williams konzentrierte seine Ressourcen deshalb darauf, den vorhandenen Wagen standfest zu machen und verschob das neue Projekt.
Damit erhielt der FW15 eine ungewöhnlich lange Entwicklungszeit. Aus dem ursprünglichen Konzept entstand über mehrere Entwicklungsstufen schließlich der FW15C für die Saison 1993. Das war ein erheblicher Vorteil. Williams musste nicht unter Rennbedingungen ein grundsätzlich neues Fahrzeug verstehen, sondern konnte Erfahrungen aus einem kompletten Jahr mit dem FW14B übernehmen. Der neue Wagen vereinte deshalb keine ungetesteten Einzelideen, sondern stellte in vielen Bereichen die zweite oder dritte Evolutionsstufe von Technologien dar, deren Nutzen Williams bereits kannte.
Das Geheimnis lag in der Fahrzeughöhe
Bei einem konventionell gefederten Rennwagen verändert sich die Lage der Karosserie ständig. Beim Bremsen taucht die Vorderachse ein, beim Beschleunigen hebt sich die Front, in Kurven rollt das Auto zur Außenseite. Für die Aerodynamiker bedeutet das einen permanenten Kompromiss. Flügel, Unterboden und Diffusor müssen nicht nur in einer einzigen idealen Position funktionieren, sondern innerhalb eines relativ großen Bereichs unterschiedlicher Bodenfreiheiten und Anstellwinkel ausreichend stabilen Abtrieb liefern.
Der FW15C verringerte diesen Kompromiss drastisch. Hydraulisch gesteuerte Aktuatoren konnten die Fahrzeughöhe abhängig von Geschwindigkeit, Lastzustand und Fahrsituation verändern. Die Elektronik arbeitete dem Nicken und Rollen entgegen und hielt das Chassis wesentlich näher an jener Lage, welche die Aerodynamiker vorgesehen hatten. Dadurch konnte Newey aerodynamische Lösungen verwenden, die stärker auf einen kleinen optimalen Arbeitsbereich zugeschnitten waren. Frontflügel und Diffusor durften aggressiver ausgelegt werden, weil das Fahrwerk verhinderte, dass das Fahrzeug ständig aus diesem Bereich herausfiel.
Aus Fahrwerkstechnik wurde ein aerodynamisches Werkzeug
Genau hier unterschied sich Williams‘ Interpretation der aktiven Radaufhängung von der Vorstellung, mit Elektronik lediglich Bodenwellen komfortabler auszugleichen. Der entscheidende Nutzen bestand nicht darin, dem Fahrer ein angenehmeres Auto zu geben. Die Radaufhängung sollte vielmehr eine möglichst stabile Plattform für die Aerodynamik schaffen. Mechanik, Hydraulik und Software waren damit direkt Teil des aerodynamischen Konzeptes geworden.
Williams konnte zudem verschiedene Fahrzeughöhen und Anstellwinkel programmieren. Langsame Kurven verlangten andere Bedingungen als schnelle Passagen. Während der Fahrer beim FW14B bestimmte Einstellungen noch über einen Drehregler beeinflussen konnte, übernahm die Software des FW15C zunehmend selbst die Anpassung. Das Auto reagierte damit nicht mehr nur auf Fahrereingaben. Es veränderte seine eigene Konfiguration passend zur Fahrsituation. Für die frühen 1990er-Jahre war das ein bemerkenswerter Schritt in Richtung eines vollständig integrierten Rennwagens.
Trotz Regeländerungen wurde der Williams schneller
Die FIA hatte für 1993 eigentlich versucht, die Geschwindigkeit der Autos zu reduzieren. Unter anderem wurde die maximal zulässige Fahrzeugbreite beziehungsweise Spurweite eingeschränkt, die Hinterreifen wurden schmaler und die Vorschriften für die Frontflügel-Endplatten verändert. Gerade Williams hätte darunter leiden können, denn der FW14B hatte einen erheblichen Teil seiner Überlegenheit aus der Kombination von mechanischem Grip, Abtrieb und präziser Fahrzeugkontrolle gezogen.
Doch der FW15C kompensierte diese Einschränkungen mehr als vollständig. Eine technische Analyse der Formel 1 nennt gegenüber dem FW14B eine Verbesserung des Verhältnisses von Abtrieb zu Luftwiderstand um etwa zwölf Prozent. Trotz der restriktiveren Vorschriften war der Wagen auf vielen Strecken schneller als sein Vorgänger. Das zeigt, wie entscheidend die kontrollierte Fahrzeugplattform geworden war: Williams erzeugte nicht einfach mehr Abtrieb, sondern konnte vorhandenen Abtrieb wesentlich zuverlässiger und effizienter nutzen.
Renault lieferte den passenden V10
Die Elektronik hätte wenig genutzt, wenn das mechanische Fundament nicht konkurrenzfähig gewesen wäre. Hinter Alain Prost und Damon Hill arbeitete deshalb einer der stärksten Motoren seiner Zeit. Renault entwickelte seinen 3,5-Liter-V10 für 1993 zum RS5 weiter. Überarbeitete Pleuel, Ansaugwege und Brennräume erhöhten die Leistung nach zeitgenössischen Angaben auf ungefähr 780 PS. Gleichzeitig blieb der V10 kompakter und sparsamer als die großen Zwölfzylinder-Konzepte.
Seine Bedeutung ging jedoch über die reine Spitzenleistung hinaus. Motorsteuerung, Traktionskontrolle, Getriebe und aktive Systeme mussten miteinander kommunizieren. Die Elektronik konnte beispielsweise bei durchdrehenden Hinterrädern gezielt in die Motorleistung eingreifen. Paddy Lowe beschrieb später, wie die verwendete elektronische Architektur Befehle zwischen den Steuergeräten austauschen konnte. Damit entstand eine frühe Form jener Vernetzung, die Jahrzehnte später bei Renn- und Straßenfahrzeugen selbstverständlich werden sollte.
Williams FW15C – das Elektronik-Paket von 1993
Die Traktionskontrolle machte Leistung beherrschbarer
Mit fast 800 PS, schmaleren Hinterreifen und vergleichsweise geringem Fahrzeuggewicht war das Beschleunigen aus langsamen Kurven eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Traktionskontrolle erkannte unerwünschten Schlupf an den angetriebenen Rädern und reduzierte die Motorleistung, bevor daraus starkes Durchdrehen wurde. Der Fahrer konnte deshalb früher und konsequenter beschleunigen, ohne jeden einzelnen Moment an der Haftungsgrenze ausschließlich über das Gaspedal korrigieren zu müssen.
Entscheidend war wiederum das Zusammenspiel mit anderen Bereichen. Die aktive Radaufhängung hielt die Gewichtsverteilung kontrollierbarer, die Aerodynamik arbeitete in ihrer vorgesehenen Position und die Traktionskontrolle regelte die verfügbare Motorleistung. Keine dieser Funktionen erklärt die Geschwindigkeit des FW15C allein. Gemeinsam sorgten sie jedoch dafür, dass der Wagen beim Herausbeschleunigen ausgesprochen effizient arbeitete. Technik ersetzte den Fahrer dabei nicht, sie vergrößerte vielmehr den Bereich, in dem die vorhandene Fahrzeugleistung nutzbar war.
Selbst das Schalten konnte der Williams übernehmen
Das Sechsganggetriebe des FW15C wurde elektrohydraulisch betätigt. Der Fahrer konnte wie bei anderen modernen Formel-1-Konstruktionen über Schaltwippen hinter dem Lenkrad die Gänge wechseln. Williams ging jedoch weiter. Das System besaß auch automatische Betriebsarten, in denen Hoch- und teilweise Herunterschalten von der Elektronik übernommen werden konnten. Sobald der Fahrer wieder selbst über die Wippen eingriff, ließ sich die Kontrolle unmittelbar zurückholen.
Damit entstand ein interessantes Spannungsfeld. Das automatische Getriebe war nicht zwingend in jeder Situation schneller als ein optimal handelnder Fahrer. Es konnte jedoch dafür sorgen, dass Schaltvorgänge exakt an vorher definierten Punkten erfolgten und der Fahrer sich stärker auf Bremsen, Einlenken und Positionierung konzentrierte. Damon Hill erinnerte sich später daran, wie viele einzelne Vorgänge Williams im Verlauf der Entwicklung automatisierte. Der FW15C bewegte sich damit bereits in Richtung einer grundsätzlichen Frage: Wie viele Aufgaben musste ein Grand-Prix-Fahrer noch selbst erledigen?
Der Wagen konnte seinen Luftwiderstand auf der Geraden reduzieren
Eine der außergewöhnlichsten Funktionen betraf den Unterboden. Über einen Knopf konnte der Fahrer das Heck des Williams absenken. Dadurch veränderte sich die Strömung am Diffusor so stark, dass dieser gezielt einen Teil seiner aerodynamischen Wirkung verlor. Weniger Abtrieb bedeutete gleichzeitig weniger Luftwiderstand. Auf einer Geraden konnte der Wagen dadurch eine höhere Geschwindigkeit erreichen, bevor für die nächste Kurve wieder die normale aerodynamische Konfiguration hergestellt wurde.
Das Prinzip erinnert aus heutiger Sicht zwangsläufig an das DRS, obwohl die technische Umsetzung eine völlig andere war. Williams verstellte keinen Heckflügel, sondern nutzte die aktive Fahrzeughöhe zur Beeinflussung des Unterbodens. Die Motorsteuerung erlaubte bei Aktivierung zudem rund 300 zusätzliche Umdrehungen pro Minute. Damit wurde die aktive Radaufhängung endgültig mehr als ein Fahrwerkssystem: Sie kontrollierte gleichzeitig einen Teil der aerodynamischen Leistungscharakteristik des Autos.
Dann kam das ABS
Zur Saisonmitte ging Williams einen weiteren Schritt. Ab dem Großen Preis von Frankreich setzte das Team ein Vierkanal-Antiblockiersystem ein. Jedes Rad konnte separat überwacht und der Bremsdruck entsprechend geregelt werden. Ein blockierendes Vorderrad, das bei einem konventionellen Formel-1-Wagen sofort einen Teil der Lenkfähigkeit gekostet hätte, ließ sich damit elektronisch verhindern. Der Fahrer konnte erheblich aggressiver auf das Bremspedal treten.
Patrick Head schätzte später, dass ein Fahrer dadurch unter bestimmten Bedingungen zehn oder sogar 15 Meter später bremsen konnte. Besonders bemerkenswert war die Kombination mit der bereits vorhandenen Bremskraftunterstützung. Das System erhöhte die nutzbare Bremsleistung, während das ABS verhinderte, dass ein überforderter Reifen sofort blockierte. Für Damon Hill gehörten die späten Ausbaustufen des Systems zu den eindrucksvollsten Eigenschaften des Autos.
Auch körperliche Grenzen spielten eine Rolle
Die Elektronik diente dabei keineswegs nur dazu, fahrerische Fehler zu korrigieren. Manche Systeme entstanden, weil die Leistungsfähigkeit des Autos selbst neue körperliche Probleme verursachte. Der zunehmende Abtrieb ließ beispielsweise die benötigten Lenkkräfte steigen. Nigel Mansell konnte im FW14B dank seiner außergewöhnlichen Oberkörperkraft damit umgehen. Für den deutlich kleineren Alain Prost wäre die Belastung problematischer gewesen. Der FW15C erhielt deshalb eine Servolenkung.
Ähnliches galt für die Bremsanlage. Höhere Kurvengeschwindigkeiten und mehr Abtrieb verschoben die Grenzen der Verzögerung, sodass Williams auch hier eine Unterstützung entwickelte. Testfahrer David Coulthard beschrieb später, wie enorm die körperlichen Belastungen des Fahrzeugs geworden waren. Die elektronischen Systeme machten den Wagen also nicht grundsätzlich einfacher. Teilweise waren sie überhaupt erst notwendig, damit ein Fahrer die durch Aerodynamik und Reifen erzeugten Kräfte über eine Renndistanz vollständig nutzen konnte.
Alain Prost musste sich trotzdem anpassen
Ausgerechnet Alain Prost, dessen präziser und vorausschauender Fahrstil hervorragend zu einem derart kontrollierten Auto zu passen schien, fühlte sich mit dem FW15C zunächst nicht vollkommen wohl. Die aktive Radaufhängung filterte Bewegungen heraus, die ein Fahrer normalerweise als Rückmeldung über den Zustand des Autos verwendet. Ein konventioneller Wagen tauchte beim Bremsen ein oder rollte beim Einlenken. Der Williams versuchte genau diese Bewegungen zu verhindern.
Prost bezeichnete den Wagen später sinngemäß als kleinen Airbus. Dahinter steckte weniger Ablehnung moderner Technik als das Gefühl, einen Teil der direkten Verbindung zum Fahrzeug verloren zu haben. Gerade Prost hatte seine Karriere darauf aufgebaut, kleine Veränderungen von Balance und Grip wahrzunehmen. Nun korrigierte das Auto manche dieser Veränderungen selbst. Dass selbst ein viermaliger Weltmeister Anpassungszeit benötigte, widerlegt gleichzeitig die Vorstellung, die Elektronik habe aus einem Formel-1-Wagen eine nahezu automatisch fahrende Maschine gemacht.
Donington zeigte die Grenzen der Technik
Der Große Preis von Europa in Donington wurde zu einem besonders anschaulichen Gegenbeispiel zur vermeintlichen Unbesiegbarkeit des Williams. Prost und Hill stellten ihre Wagen im Qualifying in die erste Startreihe. Ayrton Senna begann das Rennen lediglich von Platz vier. Unter ständig wechselnden Wetterbedingungen gewann jedoch der Brasilianer im McLaren, während Prost nach zahlreichen Reifenwechseln nur Dritter wurde.
Gerade wechselnder Regen machte deutlich, dass Berechenbarkeit für komplexe Systeme entscheidend war. Elektronische Regelung konnte eine bekannte Situation hervorragend optimieren. Wenn sich Haftung und Wetter jedoch innerhalb weniger Minuten veränderten, blieben Interpretation, Gefühl und Entscheidungen des Fahrers entscheidend. Der FW15C war technisch überlegen, aber keineswegs unabhängig von den Menschen im Cockpit und an der Boxenmauer. Seine Stärke lag darin, optimale Bedingungen besser auszunutzen – nicht darin, jede denkbare Situation selbst lösen zu können.
Prost machte aus dem Vorteil eine Meisterschaft
Über eine komplette Saison setzte sich die Qualität des Williams dennoch deutlich durch. Prost gewann in Südafrika, San Marino, Spanien, Kanada, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Nach Schwierigkeiten und Fehlern zu Saisonbeginn folgte eine Phase, in der er sechs von sieben Rennen gewann. Damit verschob sich das Kräfteverhältnis endgültig zu seinen Gunsten. In Portugal reichte ihm schließlich Platz zwei hinter Michael Schumacher zum vorzeitigen Gewinn seines vierten Weltmeistertitels.
Der statistische Abstand war beträchtlich. Prost sammelte 99 Punkte und gewann sieben Rennen. Damon Hill kam in seiner ersten vollständigen Saison für Williams auf 69 Punkte und drei Siege. Gemeinsam bescherten sie Williams 168 Konstrukteurspunkte – exakt doppelt so viele wie McLaren auf Rang zwei. Besonders im Qualifying war die technische Überlegenheit sichtbar: Prost erreichte 13 Polepositions, Hill zwei weitere. Nur beim Finale in Adelaide verhinderte Senna eine komplette Williams-Saisonbilanz von 16 Polepositions.
Damon Hill bewies, dass der FW15C mehr als ein Prost-Auto war
Damon Hill begann die Saison noch als vergleichsweise unerfahrener Grand-Prix-Pilot. 1992 hatte er lediglich einige Rennen für das untergehende Brabham-Team bestritten. Bei Williams musste er nun nicht nur mit einem Weltmeister als Teamkollegen zurechtkommen, sondern gleichzeitig einen der technisch komplexesten Rennwagen seiner Generation verstehen. Früh in der Saison zeigte er dennoch, dass er die Geschwindigkeit des FW15C nutzen konnte.
Im Sommer folgte sein endgültiger Durchbruch. Nach verlorenen Siegchancen in Großbritannien und Deutschland gewann Hill nacheinander in Ungarn, Belgien und Italien. Drei aufeinanderfolgende Grand-Prix-Siege waren mehr als nur ein Beleg für die Überlegenheit des Autos. Sie zeigten auch, wie schnell Hill gelernt hatte, dessen Besonderheiten zu nutzen. Der FW15C konnte einen Fahrer unterstützen, doch die Geschwindigkeit musste weiterhin abgerufen, ein Rennen kontrolliert und die Technik über die Distanz geschont werden.
Zehn Siege bedeuteten trotzdem keine totale Dominanz
In der Rückschau wird die Saison 1993 gelegentlich wie eine ununterbrochene Williams-Demonstration dargestellt. Die Statistik ist differenzierter. Der FW15C gewann zehn der 16 Rennen. Ayrton Senna holte mit McLaren fünf Siege, Michael Schumacher gewann für Benetton in Portugal. Williams besaß das schnellste Gesamtpaket, konnte diesen Vorteil aber nicht an jedem Wochenende in einen Sieg umsetzen.
Gerade Senna demonstrierte mehrfach, welchen Unterschied ein außergewöhnlicher Fahrer weiterhin bewirken konnte. In Brasilien, Donington, Monaco, Japan und Australien gewann er mit einem McLaren-Ford, der Williams in Motorleistung und häufig auch im Qualifying unterlegen war. Die technische Perfektion des FW15C eliminierte damit nicht den menschlichen Faktor. Sie verschob vielmehr den Ausgangspunkt des Wettbewerbs. Williams gab seinen Fahrern das vollständigste Werkzeug – bedienen und unter Rennbedingungen einsetzen mussten sie es weiterhin selbst.
Im Hintergrund entstand bereits der nächste Schritt
Während der FW15C Rennen gewann, experimentierte Williams parallel mit einer noch radikaleren Idee: einem stufenlosen Getriebe. Eine Continuously Variable Transmission hätte keine festen Übersetzungsstufen benötigt. Statt nach jedem Gangwechsel erneut durch einen Drehzahlbereich zu beschleunigen, hätte der Renault-Motor theoretisch dauerhaft in jenem Bereich arbeiten können, in dem er seine optimale Leistung entwickelte.
Das CVT wurde tatsächlich in einem Williams getestet, gehörte jedoch nicht zur Rennausstattung des FW15C. Dieser Unterschied ist wichtig, weil die Technik häufig nachträglich der ohnehin langen Liste seiner Systeme zugerechnet wird. Williams sah die stufenlose Kraftübertragung als möglichen nächsten Entwicklungsschritt für 1994. Zu einem Grand-Prix-Einsatz kam es nicht mehr. Das Reglement unterband diese Richtung noch bevor Williams daraus ein einsatzfähiges Rennkonzept machen konnte.
1993 wurde auch zu einem politischen Wendepunkt
Mit zunehmender Automatisierung wuchs innerhalb der Formel 1 die Diskussion darüber, welche Aufgaben ein Fahrer noch selbst übernehmen sollte. Aktive Radaufhängungen, Traktionskontrolle, ABS und automatische Schaltungen waren technisch faszinierend, stellten aber das traditionelle Verständnis des Sports infrage. Gleichzeitig stiegen Entwicklungsaufwand und Kosten. Nicht jedes Team konnte elektronische Systeme auf dem Niveau von Williams oder McLaren entwickeln.
Für 1994 griff die FIA deshalb massiv ein. Zahlreiche elektronische Fahrhilfen wurden verboten, darunter aktive Radaufhängungen, Traktionskontrolle und ABS. Damit endete jene Entwicklungslinie, deren konsequenteste Ausprägung der FW15C gewesen war. Ausgerechnet der Erfolg der Technologie trug somit dazu bei, dass ihr Einsatz eingeschränkt wurde. Die Formel 1 wollte den Fahrer wieder stärker in den Mittelpunkt rücken und gleichzeitig verhindern, dass sich der technische Wettbewerb immer weiter in kaum kontrollierbare elektronische Bereiche verlagerte.
Der FW16 zeigte, wie viel die Elektronik geleistet hatte
Williams musste für 1994 einen Nachfolger entwickeln, dem plötzlich mehrere zentrale Werkzeuge des bisherigen Konzepts fehlten. Das war schwieriger, als lediglich einzelne Steuergeräte auszubauen. Neweys Aerodynamik hatte stark davon profitiert, dass die aktive Radaufhängung Bodenfreiheit und Fahrzeuglage kontrollieren konnte. Ohne diese Regelung bewegte sich das Chassis wieder wesentlich stärker und die aerodynamische Plattform wurde empfindlicher.
Der FW16 machte dadurch indirekt sichtbar, wie tief die Elektronik im Vorgänger verankert gewesen war. Der FW15C war eben kein konventionelles Auto gewesen, dem Williams einige Hilfssysteme hinzugefügt hatte. Seine Aerodynamik, Aufhängung und Steuerung waren voneinander abhängig. Entfernte man einen Teil des Systems, veränderte sich auch die Funktionsweise der anderen Bereiche. Genau diese Integration erklärt, warum der Wagen technisch bedeutender war als die bloße Aufzählung seiner elektronischen Funktionen vermuten lässt.
War der FW15C der technisch fortschrittlichste Formel-1-Wagen aller Zeiten?
Diese häufig verwendete Bezeichnung benötigt eine Einschränkung. Ein moderner Formel-1-Wagen ist in nahezu jedem technischen Bereich komplexer als ein Auto von 1993. Simulation, Sensorik, Datenübertragung, Verbrennung, elektrische Systeme, Materialien und Aerodynamik haben sich in mehr als drei Jahrzehnten massiv weiterentwickelt. Der FW15C war deshalb selbstverständlich nicht absolut betrachtet das technologisch anspruchsvollste Fahrzeug der Formel-1-Geschichte.
Außergewöhnlich war vielmehr die Freiheit, mit der seine Systeme aktiv in das Fahrverhalten eingreifen durften. Moderne Reglements schreiben sehr genau vor, welche Komponenten automatisch reagieren dürfen und welche Aufgaben beim Fahrer bleiben müssen. Der FW15C entstand in einer Phase, in der Ingenieure diese Grenze wesentlich freier ausloten konnten. Adrian Newey selbst hält deshalb die Aussage für vertretbar, den Wagen – abgesehen vom Antriebsbereich – als einen der technologisch fortschrittlichsten Formel-1-Wagen seiner Zeit und seiner Art zu betrachten.
Seine wahre Stärke war nicht ein einzelnes System
Die aktive Radaufhängung des FW15C war nicht die erste der Formel 1. Traktionskontrolle war keine Williams-Erfindung. Halbautomatische Getriebe hatte Ferrari bereits Ende der 1980er-Jahre eingesetzt. ABS existierte im Automobilbau ebenfalls längst. Selbst die Idee, Aerodynamik während der Fahrt zu verändern, war nicht grundsätzlich neu. Isoliert betrachtet war kaum ein Baustein des Autos revolutionär.
Was Williams 1993 außergewöhnlich machte, war die Integration. Fahrwerk, Aerodynamik, Motorsteuerung, Getriebe und Bremsanlage arbeiteten nicht mehr weitgehend getrennt nebeneinander. Informationen und Funktionen griffen ineinander. Die Elektronik half dabei, den Renault-Motor kontrollierter einzusetzen, die Reifen besser zu nutzen und die aerodynamische Plattform präziser zu positionieren. Der Wagen reagierte damit als Gesamtsystem auf das, was Fahrer, Strecke und Geschwindigkeit von ihm verlangten.
Der vollständigste Formel-1-Wagen seiner Epoche
Am Ende der Saison standen zehn Siege, 15 Polepositions, 22 Podestplätze und beide Weltmeisterschaften. Diese Zahlen allein würden bereits ausreichen, den Williams FW15C zu einem der bedeutenden Rennwagen der 1990er-Jahre zu machen. Seine historische Bedeutung geht jedoch darüber hinaus. Er markierte den Punkt, an dem die Formel 1 erkennen musste, welche Richtung eine weitgehend freie elektronische Entwicklung einschlagen konnte.
Der FW15C war deshalb weniger ein futuristisches Kuriosum als die logische Konsequenz jahrelanger Entwicklungsarbeit. Williams hatte verstanden, dass Elektronik nicht nur einzelne Probleme lösen konnte. Sie konnte ein ganzes Fahrzeug zusammenführen. Das machte den FW15C 1993 zum wohl vollständigsten Formel-1-Wagen seiner Generation – und gleichzeitig zu einem Endpunkt. Als Alain Prost seine Karriere nach dem Saisonfinale in Adelaide beendete, verschwand wenige Wochen später auch ein großer Teil der Technik, die seinen letzten Weltmeisterwagen so außergewöhnlich gemacht hatte.
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