Drei Grand-Prix-Siege, ein beinahe karrierebeendender Unfall und erstaunlich widersprüchliche Teamduelle: Johnny Herbert konnte Mika Häkkinen im Qualifying schlagen, wurde von Michael Schumacher deutlich distanziert und gewann noch 1999 für Stewart. Was sagt das über sein tatsächliches Niveau?
Johnny Herbert gehört zu jenen Formel-1-Fahrern, deren Statistik eine einfache Antwort geradezu provoziert. Drei Grand-Prix-Siege, sieben Podestplätze, keine Pole-Position und als bestes WM-Ergebnis Rang vier 1995: Das klingt nach einem guten Fahrer, der gelegentlich eine Gelegenheit nutzte, aber nie dauerhaft zur absoluten Spitze gehörte. Doch Herberts Karriere lässt sich mit diesen Zahlen kaum erklären. Er kam bereits schwer verletzt in die Formel 1, war zeitweise schneller als spätere Weltmeister, wurde neben Michael Schumacher deutlich geschlagen und gewann noch zehn Jahre nach seinem Debüt ein Rennen aus eigener taktischer Stärke. Wie gut war Johnny Herbert also wirklich?
Vom großen Talent zum Formel-1-Fahrer mit Handicap
Die wichtigste Frage beginnt nicht in der Formel 1, sondern im August 1988. Herbert galt damals als einer der aufregendsten Nachwuchsfahrer Europas. Er hatte 1985 das Formel-Ford-Festival gewonnen, 1987 die britische Formel-3-Meisterschaft geholt und war 1988 in der Formel 3000 bereits siegfähig. Bei einem schweren Unfall in Brands Hatch wurden seine Füße und Knöchel massiv verletzt; zeitweise stand sogar eine Amputation im Raum. Trotzdem hielt Benetton an dem bereits vorbereiteten Formel-1-Aufstieg fest. Damit begann eine Karriere, bei der sich nie sauber trennen lässt, was Herbert konnte und was sein Körper dauerhaft nicht mehr zuließ.
Nur wenige Monate später stand Herbert beim Großen Preis von Brasilien 1989 tatsächlich am Start. Er qualifizierte den Benetton als Zehnten und damit vor seinem erfahrenen Teamkollegen Alessandro Nannini. Im Rennen wurde er Vierter, nur gut zehn Sekunden hinter Sieger Nigel Mansell und weniger als zwei Sekunden vom Podium entfernt. Das war kein gewöhnliches Debüt. Herbert konnte damals noch nicht schmerzfrei bremsen und musste mit den Folgen der Verletzungen leben. Gerade deshalb ist Rio bis heute eines der stärksten Argumente dafür, dass sein ursprüngliches Potenzial deutlich größer gewesen sein könnte als seine spätere Formel-1-Bilanz vermuten lässt.
Die andere Seite zeigte sich schon wenige Monate später. Auf Strecken, auf denen hartes Bremsen und körperliche Belastung stärker ins Gewicht fielen, verschlechterten sich seine Leistungen. Benetton nahm Herbert nach sechs Rennen aus dem Cockpit. In den folgenden Jahren wurde seine Formel-1-Karriere unstet: einzelne Einsätze, parallel Rennen in Japan und die Suche nach einem dauerhaften Platz. 1991 gewann er gemeinsam mit Volker Weidler und Bertrand Gachot für Mazda die 24 Stunden von Le Mans. Dass Herbert nach der Zieldurchfahrt vor Erschöpfung zusammenbrach und die Siegerehrung verpasste, passt beinahe symbolisch zu dieser Phase: sportliche Klasse war vorhanden, der Weg aber ungewöhnlich schwer.
Lotus liefert den überraschendsten Vergleich
Der für die Bewertung vielleicht wichtigste Abschnitt begann bei Lotus. 1991 und 1992 teilte Herbert das Team mit Mika Häkkinen. Über ihre gemeinsamen Qualifyings führt GP Racing Stats Herbert mit 14:10 vorn. Das ist bemerkenswert, weil Häkkinen später zweimal Weltmeister wurde. Gleichzeitig sagt der Vergleich nicht, Herbert sei deshalb grundsätzlich der bessere Fahrer gewesen. Häkkinen erzielte 1992 elf WM-Punkte, Herbert nur zwei. Die Lotus waren anfällig und die Resultate wurden stark von Ausfällen geprägt. Aber der direkte Speed-Vergleich widerlegt die Vorstellung, Herbert habe nur von Chaos oder günstigen Rennverläufen leben können.
1993 lieferte Herbert seine wohl überzeugendste Saison im Mittelfeld. Mit dem Lotus wurde er dreimal Vierter, einmal Fünfter und sammelte elf Punkte. In der WM bedeutete das Rang neun. Noch aussagekräftiger war der interne Vergleich: Gegen Alessandro Zanardi gewann Herbert das Qualifying-Duell 9:2, gegen Pedro Lamy 4:0. Lotus befand sich finanziell bereits auf dem absteigenden Ast und war keineswegs ein regelmäßiges Spitzenteam. Herbert holte aus dem Paket Resultate, die nahe am realistischen Maximum lagen. Wer seine Karriere nur über die drei späteren Siege betrachtet, übersieht deshalb vermutlich seine stärkste Phase als konstant schneller Teamleader.
Michael Schumacher zeigt die Grenze
Ende 1994 bekam Herbert schließlich die Chance, nach Benetton zurückzukehren. Für 1995 saß er im Weltmeisterteam neben Michael Schumacher und damit erstmals dauerhaft in einem Auto, das Grand Prix aus eigener Kraft gewinnen konnte. Genau hier wird die Bewertung härter. Schumacher schlug Herbert im Qualifying über die Saison 16:1. Der spätere Weltmeister erzielte 102 Punkte und neun Siege, Herbert 45 Punkte und zwei Siege. Der Abstand war zu groß, um ihn allein mit Teamstruktur oder fehlender Unterstützung zu erklären. Herbert war in diesem direkten Vergleich klar nicht auf Schumachers Niveau.
Ganz ohne Kontext wäre aber auch dieses Urteil zu grob. Benetton war 1995 stark um Schumacher organisiert, und zeitgenössische Berichte beschrieben Herberts begrenzte Testkilometer sowie seine Schwierigkeiten mit einem sehr kritischen B195. Schumacher selbst erklärte damals, das Auto sei schwer zu fahren und Herbert habe weniger Zeit gehabt, einen passenden Umgang damit zu finden. Herbert wiederum betonte, dass Schumachers Abstimmungen nicht zu seinem aggressiveren Einlenkstil passten. Das entschuldigt das 16:1 nicht. Es erklärt aber, warum die reine Differenz zwischen beiden Fahrern nicht automatisch Herberts absolutes Leistungsniveau abbildet.
Seine beiden Siege von 1995 zeigen ebenfalls zwei Wahrheiten gleichzeitig. In Silverstone erbte Herbert die Führung, nachdem Damon Hill und Michael Schumacher kollidiert waren. In Monza schieden Schumacher und Hill nach einer weiteren Kollision aus, während andere Konkurrenten ebenfalls Probleme bekamen. Herbert dominierte diese Rennen nicht von der Pole-Position aus. Aber er war jeweils in der Position, die Gelegenheit zu nutzen, machte keine entscheidenden Fehler und brachte den Benetton ins Ziel. Formel-1-Siege entstehen selten allein aus theoretischer Pace. Herbert besaß jene Rennstärke, mit der aus einem unerwarteten Fenster tatsächlich ein Erfolg werden konnte.
Sauber: der starke Fahrer hinter den Spitzenstars
Nach dem Abschied von Benetton wurde Sauber zum nächsten Prüfstein. 1996 verlor Herbert das Qualifying-Duell gegen Heinz-Harald Frentzen mit 3:13, holte in Monaco aber als Dritter das einzige Podium des Teams in jener Saison. 1997 änderte sich das Bild deutlich. Herbert schlug alle drei Sauber-Teamkollegen im Qualifying klar, sammelte 15 Punkte und wurde WM-Zehnter. In Ungarn stand er erneut auf dem Podium, dazu kamen mehrere vierte und fünfte Plätze. Diese Saison ist wichtig, weil sie zeigt, dass Herbert auch ohne Siegerauto ein Team tragen und Chancen wiederholt in Punkte verwandeln konnte.
1998 verlor Herbert den internen Qualifying-Vergleich gegen Jean Alesi mit 6:10 und kam nur auf einen WM-Punkt. Ein Jahr später wechselte er zu Stewart. Dort war Rubens Barrichello über weite Strecken der schnellere Fahrer und gewann das Qualifying-Duell 13:3. Herbert selbst erklärte später, dass er erst nach einer Änderung am Differential ab Österreich wirklich Vertrauen in das Heck des SF3 bekam. Bis dahin hatte Barrichello den stärkeren Eindruck hinterlassen. Das Muster seiner Karriere wurde erneut sichtbar: Herbert konnte auf hohem Niveau fahren, brauchte aber ein Auto, dessen Verhalten zu ihm passte, stärker als einige der absoluten Spitzenfahrer seiner Generation.
Der Nürburgring zeigt Herberts größte Stärke
Dann kam der Nürburgring 1999. Herbert startete nur von Platz 14, blieb bei der ersten kurzen Regenphase auf Slicks und entschied sich beim stärkeren zweiten Schauer im richtigen Moment für Regenreifen. Während mehrere Führende durch Defekte, Unfälle oder Fehlentscheidungen ausschieden, arbeitete er sich nach vorn. Als Ralf Schumacher durch einen Reifenschaden zurückfiel, lag Herbert an der Spitze und kontrollierte die letzten Runden. Dieser Sieg war nicht einfach ein Geschenk des Chaos. Das Chaos schuf die Chance – Herbert erkannte sie, traf gemeinsam mit Stewart die richtige Reifenentscheidung und fuhr sie anschließend fehlerfrei nach Hause.
Gerade dieser Nürburgring-Sieg beschreibt seine größte Qualität besser als jede Statistik. Herbert war selten der Fahrer, der ein Wochenende vom ersten Training an beherrschte. Er war aber sehr gut darin, in unübersichtlichen Rennen Informationen zu verarbeiten, das Auto am Leben zu halten und Resultate zu sichern, wenn andere Fehler machten. Seine drei Grand-Prix-Siege kamen alle in Rennen zustande, in denen Favoriten Probleme bekamen. Das darf man erwähnen. Es wäre jedoch falsch, daraus bloß Glück abzuleiten. Glück öffnet eine Tür; durchfahren muss ein Fahrer immer noch selbst.
Gegen die Einstufung als Fahrer der absoluten Weltklasse sprechen vor allem die wiederkehrenden Teamduelle. Nach den starken Lotus-Jahren verlor Herbert im Qualifying klar gegen Schumacher, Frentzen, Barrichello und später Eddie Irvine. Auch Alesi lag 1998 vorn. Ein Fahrer, der über viele Jahre hinweg zur engsten Weltmeisterklasse gehört, zeigt normalerweise auch unter wechselnden Bedingungen häufiger die absolute Referenz im eigenen Team. Herbert tat das phasenweise – besonders bei Lotus und 1997 bei Sauber –, aber nicht konstant genug. Seine Karriere enthält deshalb echte Spitzenleistungen, ohne eine durchgehende Spitzenfahrer-Kurve zu ergeben.
Der Unfall verhindert die endgültige Antwort
Die entscheidende Unbekannte bleibt der Unfall von Brands Hatch. Vorher war Herbert ein Fahrer, für den sich mehrere Formel-1-Teams interessierten und der bei Tests unmittelbar Eindruck hinterließ. Danach musste er einen Fahrstil entwickeln, der mit dauerhaft eingeschränkten Füßen funktionierte. Es wäre verführerisch, daraus rückwirkend einen verlorenen Weltmeister zu machen. Belegen lässt sich das nicht. Was sich belegen lässt, ist etwas anderes: Herbert erreichte trotz Verletzungen ein Niveau, auf dem er Häkkinen im Qualifying fordern, ein angeschlagenes Lotus-Team anführen, drei Grand Prix gewinnen und über mehr als ein Jahrzehnt in der Formel 1 bestehen konnte.
Wie gut war Johnny Herbert also? Er war mehr als ein sympathischer Gelegenheitsgewinner und weniger als der verkannte Champion, zu dem seine Vorgeschichte manchmal gemacht wird. In seiner besten Form gehörte er zu den stärkeren Fahrern direkt unterhalb der absoluten Elite. Sein Rohspeed war vor allem in den frühen Lotus-Jahren erheblich, seine Rennintelligenz blieb bis zum Ende eine Stärke, seine Konstanz gegen die besten Teamkollegen dagegen zu wechselhaft. Der schwere Unfall seiner Karriere verhindert eine endgültige Antwort auf die Frage, wie hoch seine natürliche Obergrenze wirklich lag. Die Karriere, die tatsächlich stattfand, reicht trotzdem für ein klares Urteil: Johnny Herbert war ein sehr guter Formel-1-Fahrer mit einzelnen Wochenenden auf Spitzenklasse-Niveau.
