Fünf Jahre lang hatte Nigel Mansell Geschwindigkeit gezeigt, Rennen angeführt und Chancen auf seinen ersten Formel-1-Sieg verstreichen sehen. Beim Großen Preis von Europa 1985 in Brands Hatch änderte sich alles. Mit dem stärker werdenden Williams-Honda, der Hilfe von Keke Rosberg und einem entschlossenen Angriff auf Ayrton Senna gelang Mansell der Durchbruch – bei seinem 72. WM-Start.

Am 6. Oktober 1985 bekam Nigel Mansell in Brands Hatch endlich jenen Moment, auf den er seit seinem Formel-1-Debüt gewartet hatte. Fünf Jahre lang hatte der Engländer Tempo gezeigt, Podien gesammelt, Rennen angeführt und Chancen verstreichen sehen. Nun saß er im Williams-Honda FW10B, startete beim Großen Preis von Europa aus der zweiten Reihe und gewann vor heimischem Publikum. Der Erfolg war mehr als nur ein erster Grand-Prix-Sieg. Er war der Punkt, an dem aus dem schnellen, oft ungestümen Mansell endgültig ein Fahrer wurde, den die Formel 1 dauerhaft als Siegkandidaten ernst nehmen musste.

Der schnelle Mann, dem der Sieg fehlte

Mansells Weg dorthin war ungewöhnlich lang. Seit 1980 fuhr er für Lotus, doch in fünf Saisons blieb ihm der Sieg verwehrt. Bereits 1981 stand er in Zolder erstmals auf dem Podium, später folgten weitere dritte Plätze. 1984 schien der Durchbruch mehrfach greifbar: In Monaco übernahm Mansell im Regen die Führung, ehe er nach einem Fehler ausschied. Wenige Wochen später holte er in Dallas seine erste Pole-Position und führte 35 Runden, bevor sein Lotus beschädigt wurde. Der Speed war vorhanden. Was fehlte, war ein Wochenende, an dem alles zusammenpasste.

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Der Wechsel zu Williams für 1985 veränderte seine Ausgangslage. Frank Williams hatte Mansells Geschwindigkeit schon länger geschätzt und stellte ihn neben den Weltmeister von 1982, Keke Rosberg. Der neue FW10 war zugleich Williams‘ erstes Formel-1-Auto mit Carbon-Verbundmonocoque und von Beginn an auf Hondas V6-Turbo zugeschnitten. Trotzdem war das Paket zunächst nicht zuverlässig genug. Mansell qualifizierte sich mehrfach weit vorn, schied aber häufig aus. Erst im Spätsommer begann Williams-Honda, die vorhandene Leistung regelmäßiger in Ergebnisse umzusetzen.

Besonders wichtig war Hondas RA165E. Der weiterentwickelte 1,5-Liter-V6-Turbo war ab dem Kanada-Grand-Prix im Einsatz und brachte Williams einen deutlichen Leistungsschub. Parallel arbeitete das Team am Chassis. Für Brands Hatch erschien der FW10 in einer überarbeiteten B-Spezifikation mit geänderter Hinterradaufhängung, neuem Getriebegehäuse und Anpassungen am Heck. Damit traf ein zunehmend ausgereifter Antrieb auf eine Strecke, auf der Motorleistung und Beschleunigung trotz der engen und fließenden Charakteristik eine entscheidende Rolle spielen konnten.

Williams-Honda kommt immer näher

Der Durchbruch kündigte sich bereits drei Wochen zuvor in Spa-Francorchamps an. Mansell wurde dort Zweiter hinter Ayrton Senna und erzielte sein bis dahin bestes Saisonresultat. In Monza hatte er zuvor die schnellste Rennrunde gefahren, auch wenn ein Motorschaden ein gutes Endergebnis verhindert hatte. Williams-Honda kam sichtbar in Fahrt. Als die Formel 1 Anfang Oktober nach Brands Hatch reiste, war das Team nicht mehr nur ein gefährlicher Außenseiter. Es besaß eines der schnellsten Pakete im Feld, auch wenn McLaren, Ferrari und Lotus die Saison bis dahin stärker geprägt hatten.

Der Große Preis von Europa war 1985 überhaupt erst kurzfristig nach Brands Hatch gekommen. Ursprünglich waren andere Austragungsorte vorgesehen, doch nach Absagen sprang die Strecke in Kent ein. Weil der britische Grand Prix bereits in Silverstone stattgefunden hatte, erhielt Brands Hatch das zusätzliche WM-Rennen. Für Mansell bedeutete das eine zweite Chance auf heimischem Boden. Gleichzeitig stand Alain Prost kurz vor seinem ersten Weltmeistertitel, während Michele Alboreto seine letzte realistische Gelegenheit brauchte, den Franzosen im Titelkampf noch unter Druck zu setzen.

Im Qualifying setzte Ayrton Senna im Lotus-Renault erneut den Maßstab. Seine 1:07,169 Minuten brachten ihm die Pole-Position vor Nelson Piquet im Brabham. Mansell folgte als Dritter, Rosberg stellte den zweiten Williams auf Startplatz vier. Die Geschwindigkeitsmessungen zeigten jedoch, wo die Stärke des FW10B lag: Auf dem schnellen Abschnitt vor Hawthorn Bend wurde Mansell mit 196,5 mph gemessen, umgerechnet rund 316 km/h. Rosberg folgte unmittelbar dahinter. Hondas Turbo war inzwischen zu einer der entscheidenden Waffen des Williams geworden.

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Ein starker Start – und sofort der nächste Rückschlag

Am Start erwischte Mansell einen starken Moment und zog beinahe neben Senna in Richtung Paddock Hill Bend. Der Lotus behauptete jedoch die Spitze. Rosberg arbeitete sich nach einem kurzen Verschlucken seines Honda-Motors ebenfalls wieder nach vorn. In Druids geriet Mansell anschließend nach außen und verlor Positionen an Rosberg und Piquet. Schon in der ersten Runde war aus seinem beinahe perfekten Start ein kleiner Rückschlag geworden. Vorne führte Senna, während Mansell zunächst wieder hinter seinen beiden unmittelbaren Rivalen festhing.

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In Runde sieben eskalierte der Kampf um die Spitze. Rosberg griff Senna vor Surtees an, die beiden Fahrzeuge berührten sich und der Williams drehte sich. Piquet konnte dem querstehenden Auto nicht mehr ausweichen und traf Rosberg. Für den Brabham war das Rennen mit beschädigter Vorderachse beendet. Rosberg erreichte dagegen mit einem Reifenschaden noch die Box. Mansell war damit wieder Zweiter. Der Zwischenfall hatte die Reihenfolge verändert – und gleichzeitig die Voraussetzung für eine der ungewöhnlichsten Teamwork-Szenen dieses Rennens geschaffen.

Nach seinem Boxenstopp kam Rosberg unmittelbar vor dem führenden Senna und Mansell zurück auf die Strecke. Damals bestand für einen überrundeten Fahrer noch keine mit heutigen Regeln vergleichbare Verpflichtung, den Führenden sofort passieren zu lassen. Rosberg nutzte die Situation konsequent. Er hielt Senna auf und ermöglichte seinem Teamkollegen, wieder direkt an den Lotus heranzufahren. Mansell erkannte die Gelegenheit sofort. Aus einem scheinbar sicheren Vorsprung für Senna wurde innerhalb weniger Kurven ein direkter Kampf um die Führung.

Rosberg öffnet Mansell die Tür

In Runde neun kam die entscheidende Szene. Rosberg verlangsamte Senna auf dem Weg nach Surtees, Mansell setzte sich innen neben den Lotus und ging vorbei. Kurz darauf ließ Rosberg seinen Teamkollegen passieren und beschäftigte Senna noch eine Weile weiter. Mansell hatte die Führung. Gerade weil Rosbergs Rolle so auffällig war, blieb diese Passage später ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte des Rennens. Doch sie allein erklärt nicht, warum der Williams am Ende mit mehr als 20 Sekunden Vorsprung gewann.

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Nachdem Mansell freie Fahrt hatte, setzte er sich aus eigener Kraft ab. Schon nach 20 Runden betrug sein Vorsprung auf Senna beinahe zehn Sekunden, zehn Runden später waren es fast 13. Der Lotus hatte Mühe, das Tempo des Williams zu halten. Zeitweise gingen sogar Marc Surer im Brabham und Jacques Laffite im Ligier an Senna vorbei. Mansell nutzte dagegen die starke Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit des Honda-Motors. Senna verwies nach dem Rennen selbst auf die Überlegenheit des Williams beim Beschleunigen und auf den Geraden.

Für Mansell bestand die eigentliche Aufgabe nun darin, das Rennen nicht mehr zu verlieren. Das war leichter gesagt als getan. Gerade seine vorherige Karriere hatte genügend Beispiele geliefert, bei denen eine aussichtsreiche Position durch einen Defekt oder eigenen Fehler verloren gegangen war. Diesmal vermied er beides. Er hielt das Tempo hoch, ohne das Material unnötig zu belasten. Motor Sport beschrieb später, wie konzentriert Mansell die verbleibenden Runden absolvierte. Der Fahrer, dem zuvor häufig fehlende Geduld vorgeworfen worden war, musste ausgerechnet für seinen ersten Sieg vor allem eines zeigen: Kontrolle.

Während Mansell führt, entscheidet sich die Weltmeisterschaft

Hinter ihm entwickelte sich ein Rennen mit mehreren Wendungen. Alboreto schied früh mit einem spektakulären Turboschaden aus und verlor damit praktisch seine letzte Chance im Titelkampf. Prost arbeitete sich nach einem schwierigen Start wieder nach vorn. Surer lag lange auf Rang zwei, ehe auch sein Brabham mit einem Turboschaden ausfiel. Laffite musste ebenfalls aufgeben. Dadurch rückten Senna, Rosberg und Prost in der Schlussphase wieder nach vorne. Für Mansell änderte das wenig: Sein Vorsprung war inzwischen groß genug, um die letzten Runden kontrolliert zu absolvieren.

Nach 75 Runden überquerte Mansell die Ziellinie nach 1:32:58,109 Stunden. Senna folgte 21,396 Sekunden später, Rosberg wurde trotz seines frühen Zwischenfalls noch Dritter. Prost kam als Vierter ins Ziel und sicherte sich damit seinen ersten Weltmeistertitel. Für Mansell war es der erste Grand-Prix-Sieg bei seinem 72. WM-Start. Zugleich beendete er eine lange britische Durststrecke: Seit James Hunts Erfolg beim Großen Preis von Japan 1977 hatte kein britischer Fahrer mehr ein Formel-1-WM-Rennen gewonnen.

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Der Zeitpunkt des Erfolgs war entscheidend. Bis Brands Hatch haftete Mansell das Bild eines Fahrers an, der spektakulär schnell sein konnte, seine Möglichkeiten aber nicht regelmäßig in große Ergebnisse verwandelte. Monaco und Dallas 1984 hatten dieses Bild eher verstärkt als widerlegt. In Brands Hatch zeigte er dagegen, dass er ein Rennen nach der entscheidenden Attacke auch kontrollieren konnte. Seine Geschwindigkeit war nicht neu. Neu war, dass am Ende kein technischer Defekt, kein eigener Fehler und keine weitere verpasste Gelegenheit zwischen Mansell und dem obersten Podestplatz standen.

Aus dem ersten Sieg wird ein Wendepunkt

Wie wenig zufällig der Erfolg war, zeigte sich bereits zwei Wochen später. Beim Großen Preis von Südafrika in Kyalami holte Mansell die Pole-Position und gewann erneut, diesmal vor Rosberg. Beim Saisonfinale in Adelaide siegte anschließend der Finne. Williams-Honda gewann damit die letzten drei Rennen des Jahres. Der FW10B und der weiterentwickelte Honda-Turbo hatten aus einem wechselhaften Saisonbeginn innerhalb weniger Monate ein Paket gemacht, das bereits ankündigte, welche Kräfteverhältnisse die Formel 1 in den folgenden Jahren prägen würden.

Für Mansell begann mit Brands Hatch ebenfalls eine neue Phase seiner Karriere. Vor dem 6. Oktober 1985 hatte er keinen Grand Prix gewonnen. Bis zu seinem letzten Erfolg 1994 kamen weitere 30 Siege hinzu. Dazwischen lagen die dramatischen WM-Kämpfe von 1986 und 1987, der Wechsel zu Ferrari, die Rückkehr zu Williams und schließlich der dominante Weltmeistertitel 1992. Sein erster Sieg blieb dennoch besonders, weil er eine jahrelang offene Frage beantwortete: Mansell musste nicht mehr beweisen, dass er schnell genug für einen Grand-Prix-Erfolg war. Er hatte nun gezeigt, dass er einen gewinnen konnte.

Brands Hatch 1985 war deshalb mehr als der erste Eintrag in Mansells später umfangreicher Siegerliste. Das Rennen verband den Aufstieg von Williams-Honda, Prosts ersten Weltmeistertitel, das Ende von Alboretos Titelchance und Rosbergs bemerkenswerte Rolle im Duell mit Senna. Im Mittelpunkt stand jedoch ein Fahrer, dessen Karriere bis dahin von beinahe erreichten Erfolgen geprägt gewesen war. Als Mansell nach 75 Runden die Ziellinie passierte und den Arm hob, endete diese Phase. Aus einem der schnellsten Fahrer ohne Grand-Prix-Sieg war ein Gewinner geworden.

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