Kaum ein Familienname besitzt im internationalen Motorsport eine vergleichbare Bedeutung wie Senna. Er steht für drei Formel-1-Weltmeisterschaften, kompromisslose Geschwindigkeit, nationale Verehrung und eine der größten Tragödien der Sportgeschichte. Als Bruno Senna Jahre nach dem Tod seines Onkels Ayrton selbst den Weg in die Formel 1 fand, wurde er deshalb nicht nur an seinen eigenen Leistungen gemessen. Er trat gegen eine Erinnerung an, die sich sportlich kaum erreichen und emotional nicht überbieten ließ. Ein Ayrton Senna zugeschriebenes Zitat begleitete Brunos Karriere dabei wie eine Prophezeiung: Wer ihn für schnell halte, solle erst einmal seinen Neffen sehen.

Die genaue ursprüngliche Quelle und der exakte Wortlaut des Ausspruchs sind allerdings schwer zu verifizieren. Unabhängig davon prägte er die öffentliche Wahrnehmung Bruno Sennas über Jahre. Seine Laufbahn war keine einfache Fortsetzung einer Familiendynastie. Sie war vielmehr die Geschichte eines ungewöhnlich späten Einstiegs, mehrerer verpasster Chancen und einer erfolgreichen Neuorientierung außerhalb der Formel 1.

Zehn verlorene Jahre

Bruno Senna wurde am 15. Oktober 1983 in São Paulo geboren. Schon als Kind fuhr er auf dem Anwesen seiner Familie Kart und erhielt dabei auch Unterstützung von Ayrton Senna. Eine klassische Kartkarriere mit regelmäßigen nationalen und internationalen Wettbewerben begann er jedoch nicht. Nach Ayrton Sennas tödlichem Unfall am 1. Mai 1994 in Imola lehnte die Familie weitere Motorsportaktivitäten zunächst ab. Der Verlust traf sie wenige Jahre später erneut: Brunos Vater Flávio Lalli kam 1996 bei einem Motorradunfall ums Leben.

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Damit fehlte Bruno Senna genau jene Phase, in der angehende Profifahrer normalerweise Rennerfahrung sammeln. Fahrer seines späteren Jahrgangsumfelds hatten bereits Hunderte Kartveranstaltungen bestritten, bevor Senna überhaupt regelmäßig in einem Rennwagen saß. Er begann zunächst ein Wirtschaftsstudium. Erst 2004, im Alter von 20 Jahren, nahm er mit Unterstützung von Gerhard Berger seine Motorsportkarriere ernsthaft auf. Für einen Fahrer mit Formel-1-Ambitionen war das außergewöhnlich spät.

Ein beschleunigter Weg durch die Nachwuchsklassen

Senna bestritt 2004 erste Rennen in der britischen Formel BMW. Bereits 2005 wechselte er in die britische Formel-3-Meisterschaft und startete für Räikkönen Robertson Racing. Trotz seiner geringen Erfahrung beendete er seine erste vollständige Saison mit mehreren Podestplätzen auf dem zehnten Gesamtrang. 2006 gelang ihm der Durchbruch. Er gewann Rennen in der britischen Formel 3 und wurde am Saisonende Dritter der Meisterschaft. Gleichzeitig zeigte die Saison, wie schmal der Grat bei seinem schnellen Aufstieg war.

Senna musste Lernprozesse, für die andere Fahrer mehrere Jahre Zeit gehabt hatten, innerhalb weniger Monate bewältigen. 2007 stieg er mit Arden International in die GP2-Serie auf, die damals als wichtigste Nachwuchsklasse unterhalb der Formel 1 galt. Bereits beim Rennwochenende in Barcelona gewann er ein Hauptrennen. Die Saison verlief allerdings wechselhaft, und Senna wurde Achter der Gesamtwertung. Für 2008 wechselte er zu iSport International. In Monaco gewann er das GP2-Hauptrennen und sorgte damit für eines der emotionalsten Bilder seiner Nachwuchskarriere.

Er war der erste Fahrer namens Senna, der seit Ayrtons Formel-1-Erfolg von 1993 wieder ein bedeutendes Rennen im Fürstentum gewann. Im Titelkampf musste er sich am Ende Giorgio Pantano geschlagen geben. Mit dem zweiten Gesamtrang hatte er sich dennoch als ernsthafter Kandidat für ein Formel-1-Cockpit etabliert.

Die verpasste Chance bei Honda und Brawn

Ende 2008 testete Senna für Honda Racing F1 in Barcelona. Er hinterließ dabei einen positiven Eindruck und galt als Kandidat für ein Stammcockpit in der folgenden Saison. Wie weit die Verhandlungen tatsächlich fortgeschritten waren, lässt sich aus öffentlich zugänglichen Quellen jedoch nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Am 5. Dezember 2008 kündigte Honda infolge der weltweiten Finanzkrise seinen Rückzug aus der Formel 1 an. Die Zukunft des Teams war zunächst ungewiss. Kurz vor Beginn der Saison 2009 übernahm Ross Brawn die Mannschaft und führte sie als Brawn GP weiter.

Brawn entschied sich für Jenson Button und Rubens Barrichello. Angesichts der äußerst knappen Vorbereitungszeit und der unsicheren finanziellen Situation setzte das Team auf zwei erfahrene Fahrer, die bereits mit der Mannschaft gearbeitet hatten. Für Senna war dies eine der bedeutendsten verpassten Gelegenheiten seiner Karriere. Der Brawn BGP 001 erwies sich als außergewöhnlich konkurrenzfähig. Button gewann sechs der ersten sieben Saisonrennen und wurde Weltmeister; Brawn GP sicherte sich außerdem die Konstrukteursmeisterschaft.

Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass auch Senna Rennen gewonnen hätte. Ein Rookie hätte mit dem Auto durchaus gute Ergebnisse erzielen können, doch Barrichellos Saison zeigt, dass selbst in diesem Wagen Erfolge weder garantiert noch einfach zu erreichen waren. Mangels eines Formel-1-Cockpits wechselte Senna 2009 in den Langstreckensport und trat für Oreca in der Le Mans Series an.

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Formel-1-Debüt unter schwierigsten Bedingungen

2010 erhielt Senna schließlich ein Stammcockpit beim neu gegründeten Hispania Racing F1 Team. Das ursprünglich als Campos Meta gemeldete Projekt befand sich bereits vor dem ersten Saisonrennen in erheblichen finanziellen und organisatorischen Schwierigkeiten. Der von Dallara entwickelte HRT F110 hatte vor dem Saisonauftakt keine regulären Testfahrten absolviert. Das Fahrzeug war langsam, unzuverlässig und wurde während der Saison nur begrenzt weiterentwickelt. Unter diesen Umständen war eine faire Bewertung der Fahrerleistung kaum möglich.

Senna absolvierte 18 Grands Prix. Sein bestes Ergebnis war Platz 14 beim Großen Preis von Korea. Punkte waren mit dem HRT unter normalen Bedingungen außer Reichweite. Auch die internen Vergleiche sind nur eingeschränkt aussagekräftig, weil Senna im Verlauf der Saison mit Karun Chandhok, Sakon Yamamoto und Christian Klien mehrere Teamkollegen hatte. Gegen Chandhok und Yamamoto zeigte er im Qualifying insgesamt häufig die bessere Leistung. Gegen den erfahrenen Klien, der erst spät in die Saison einstieg, hatte er größere Schwierigkeiten.

Beim Großen Preis von Großbritannien wurde Senna für ein Rennen durch Yamamoto ersetzt. Über die genauen Hintergründe existieren unterschiedliche Darstellungen. Die oft wiederholte Geschichte einer versehentlich an den Teambesitzer verschickten kritischen E-Mail ist unterhaltsam, aber nicht ausreichend belastbar dokumentiert und sollte daher nicht als gesicherte Tatsache dargestellt werden. Am Ende der Saison verlor Senna sein Cockpit.

Acht Rennen für Renault

2011 wurde Senna Test- und Ersatzfahrer bei Lotus Renault GP. Nach Robert Kubicas schwerem Rallyeunfall verpflichtete das Team zunächst Nick Heidfeld als Stammfahrer. Ab dem Großen Preis von Belgien ersetzte Senna den Deutschen. Beim verregneten Qualifying in Spa erreichte er sofort den siebten Platz, rückte infolge einer Strafe gegen Pastor Maldonado aber auf den sechsten Startplatz vor. Im Rennen kollidierte er bereits in der ersten Kurve mit Jaime Alguersuari und erhielt eine Durchfahrtsstrafe.

Beim folgenden Grand Prix in Italien wurde Senna Neunter und holte damit seine ersten beiden Formel-1-Punkte. In den weiteren Rennen konnte er dieses Ergebnis nicht wiederholen. Die Bewertung seiner Teilzeit-Saison bleibt schwierig. Senna stieg mitten im Jahr in ein technisch anspruchsvolles Auto ein und hatte kaum Testmöglichkeiten. Gleichzeitig unterliefen ihm mehrere Fehler, und im direkten Vergleich wirkte Teamkollege Vitaly Petrov über die gesamte Phase konstanter. Für 2012 verpflichtete das inzwischen in Lotus umbenannte Team Kimi Räikkönen und Romain Grosjean.

Das Williams-Jahr: Starke Rennen, schwaches Qualifying

Senna wechselte 2012 zu Williams und wurde Teamkollege von Pastor Maldonado. Das Fahrzeug dieser Saison war der Williams FW34-Renault. Der FW34 war deutlich konkurrenzfähiger als sein Vorgänger. Maldonado gewann den Großen Preis von Spanien und demonstrierte damit das Potenzial des Autos. Senna hatte jedoch besonders im Qualifying Schwierigkeiten. Ein zusätzlicher Nachteil bestand darin, dass er bei zahlreichen Rennwochenenden das erste freie Training an Williams-Testfahrer Valtteri Bottas abgeben musste.

Dadurch fehlte ihm wertvolle Zeit für die Abstimmung des Autos und das Verständnis der Reifen. Dieser Umstand erklärt jedoch nicht allein das deutliche Qualifying-Duell. Maldonado setzte sich über die Saison mit 18:2 durch und erreichte mehrfach vordere Startpositionen. Senna gelang es zu selten, das Potenzial des Autos auf einer schnellen Runde auszuschöpfen. Im Rennen präsentierte er sich stärker. Beim Großen Preis von Malaysia fuhr er unter wechselhaften Bedingungen auf den sechsten Platz – sein bestes Formel-1-Ergebnis.

Weitere Punkteplatzierungen folgten unter anderem in China, Monaco, Großbritannien, Ungarn und Italien. In Spa erzielte er mit 1:52,822 Minuten die schnellste Rennrunde. Insgesamt kam Senna auf 31 WM-Punkte und zehn Punkteresultate. Maldonado sammelte 45 Punkte, wobei allein sein Sieg in Spanien 25 Punkte ausmachte. Sennas Saison zeigte damit ein widersprüchliches Bild: Im Qualifying war er klar unterlegen, im Rennen arbeitete er sich häufig nach vorne und brachte das Auto vergleichsweise regelmäßig in die Punkte.

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Für 2013 entschied sich Williams dennoch für Bottas. Damit endete Sennas Formel-1-Karriere nach 46 Grand-Prix-Starts, 33 Punkten und einer schnellsten Rennrunde.

BRUNO SENNA

KARRIERE & STATISTIKEN // FORMEL 1 UND LANGSTRECKENSPORT
Geboren 15. Oktober 1983 in São Paulo, Brasilien
Motorsport-Einstieg Beginn der professionellen Laufbahn im Jahr 2004 nach einer rund zehnjährigen Unterbrechung der motorsportlichen Ausbildung.
Formel-1-Zeitraum 2010 bis 2012
Formel-1-Teams Hispania Racing F1 Team, Lotus Renault GP und Williams F1.
Formel-1-Starts 46 Grand Prix
Formel-1-Punkte 33 WM-Punkte
Bestes F1-Ergebnis 6. Platz beim Großen Preis von Malaysia 2012.
Schnellste Rennrunde Eine schnellste Rennrunde beim Großen Preis von Belgien 2012.
Beste F1-Saison 2012 erzielte Senna für Williams 31 Punkte und fuhr zehnmal in die Punkteränge.
GP2-Erfolg Vizemeister der GP2-Serie 2008 und Sieger des Hauptrennens in Monaco.
Formel E Einsätze für Mahindra Racing von 2014 bis 2016; bestes Ergebnis war Platz zwei beim London ePrix 2016.
WEC-Titel FIA-LMP2-Weltmeister 2017 mit Rebellion Racing und Julien Canal.
Le-Mans-Ergebnis 2. Gesamtrang bei den 24 Stunden von Le Mans 2020.
FORMEL-1-KARRIEREBILANZ
46 Grand-Prix-Starts
33 WM-Punkte
6. Bestes Ergebnis
1 Schnellste Runde

Seine erfolgreichste Formel-1-Saison absolvierte Bruno Senna 2012 für Williams: 31 Punkte, zehn Punkteresultate und Platz sechs beim Großen Preis von Malaysia.

KARRIERESTATIONEN
2004–2006 Formel BMW und britische Formel 3
2007–2008 GP2-Serie
2010–2012 Formel 1
2013–2020 WEC, Formel E und Le Mans
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Erfolg außerhalb der Formel 1

Nach seinem Abschied von Williams verlagerte Senna seinen Schwerpunkt auf GT- und Langstreckenrennen. 2013 trat er für Aston Martin Racing in der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft an und gewann bereits bei seinem ersten Einsatz in Silverstone die GTE-Pro-Klasse. Von 2014 bis 2016 fuhr er für Mahindra in der Formel E. Seine beste Platzierung war Rang zwei beim London ePrix 2016. Insgesamt verlief seine Zeit in der elektrischen Rennserie solide, aber ohne den großen Durchbruch.

Seinen bedeutendsten Titel gewann Senna 2017 in der LMP2-Klasse der Langstrecken-Weltmeisterschaft. Gemeinsam mit Julien Canal wurde er Fahrerweltmeister. Nicolas Prost war ein wichtiger Teil der Mannschaft und gewann mit Senna und Canal mehrere Rennen, wurde wegen eines verpassten Laufs aber nicht ebenfalls als Fahrerweltmeister gewertet. Die Zusammenarbeit zwischen Bruno Senna und Nicolas Prost war medienwirksam, weil ihre Onkel beziehungsweise Väter Ayrton Senna und Alain Prost in der Formel 1 eine der berühmtesten Rivalitäten der Motorsportgeschichte ausgetragen hatten.

Für den sportlichen Erfolg des Rebellion-Teams war jedoch weniger diese historische Symbolik als vielmehr die Konstanz der Fahrerbesetzung entscheidend. In den folgenden Jahren trat Senna mit Rebellion in der höchsten Prototypenklasse an. Bei den 24 Stunden von Le Mans 2020 erreichte er gemeinsam mit Gustavo Menezes und Norman Nato den zweiten Gesamtrang. Senna fuhr zudem die schnellste Rennrunde der Veranstaltung.

Mehr als nur „der andere Senna“

Bruno Senna erreichte in der Formel 1 nicht die Erfolge seines Onkels. Dieser Vergleich war allerdings von Beginn an kaum sinnvoll. Ayrton Senna begann seine Wettbewerbskarriere früh, absolvierte eine klassische Ausbildung im Kartsport und stieg anschließend schrittweise durch die europäischen Nachwuchsklassen auf. Bruno Senna verlor dagegen fast seine gesamte Jugendphase als Rennfahrer und begann seine professionelle Karriere erst im Alter von 20 Jahren. Sein Nachname war Vorteil und Belastung zugleich.

Er erleichterte zweifellos den Zugang zu Sponsoren, Medien und wichtigen Kontakten. Gleichzeitig sorgte er für Erwartungen, denen fast kein Fahrer hätte gerecht werden können. Seine Formel-1-Laufbahn blieb von ungünstigen Umständen geprägt: ein Debüt in einem kaum vorbereiteten HRT, ein später Einstieg bei Renault und der Verlust zahlreicher Freitagstrainings bei Williams. Dennoch wäre es zu einfach, seine fehlenden Erfolge ausschließlich äußeren Umständen zuzuschreiben. Im Qualifying fehlte ihm insbesondere 2012 die Geschwindigkeit und Konstanz seines Teamkollegen.

Auch bei Renault konnte er seine wenigen Chancen nicht durchgehend nutzen. Seine Karriere ist deshalb weder die Geschichte eines verhinderten Formel-1-Weltmeisters noch die eines Fahrers, der nur wegen seines Namens an die Spitze gelangte. Sie ist die Geschichte eines außergewöhnlichen Späteinsteigers, der trotz eines erheblichen Erfahrungsrückstands die Formel 1 erreichte und später im Langstreckensport einen Weltmeistertitel gewann. Bruno Senna konnte das sportliche Erbe seines Onkels nicht wiederholen. Er musste es aber auch nicht.

Sein größter Erfolg bestand letztlich darin, außerhalb des ständigen Vergleichs eine eigene Laufbahn aufzubauen.

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KI-Transparenz Bei der Erstellung dieses Artikels kamen unterstützend KI-Technologien zum Einsatz. Themenauswahl, Recherche, redaktionelle Prüfung und Freigabe liegen in der Verantwortung des Betreibers. Illustrationen werden teilweise mithilfe generativer KI erstellt und dienen als stilisierte redaktionelle Darstellungen. Sie sind keine historischen Originalaufnahmen. Weitere Informationen zum redaktionellen Prozess: KI-Transparenz bei Grand Prix Geschichte
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