Nigel Mansells Formel-1-Karriere hatte eigentlich bereits zwei Enden erlebt. Nach seinem Weltmeistertitel 1992 verließ er die Königsklasse Richtung IndyCar. 1994 kehrte er für Williams zurück, gewann sogar noch einmal einen Grand Prix und wechselte anschließend zu McLaren. Doch dieses Comeback endete 1995 nach nur zwei Rennstarts ernüchternd. Danach schien auch für einen Mann, der seine Karriere schon mehrfach beendet und wieder aufgenommen hatte, endgültig Schluss zu sein.
Im Dezember 1996 saß Mansell trotzdem wieder in einem aktuellen Formel-1-Auto. Jordan hatte den inzwischen 43-Jährigen nach Barcelona eingeladen. Was zunächst wie eine interessante Testfahrt zweier alter Bekannter wirkte, bekam innerhalb weniger Stunden eine andere Dynamik. Mansell war überraschend schnell. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, ob der Weltmeister von 1992 noch mit einem modernen Formel-1-Auto zurechtkam. Die Frage lautete, ob Nigel Mansell 1997 tatsächlich noch einmal eine komplette Saison bestreiten würde.
Ein Weltmeister mit Erfahrung im Zurückkommen
Mansells erste große Verabschiedung aus der Formel 1 lag damals kaum vier Jahre zurück. 1992 hatte er mit Williams und dem technisch überlegenen FW14B die Weltmeisterschaft dominiert. Neun Siege in 16 Rennen machten ihn mit 39 Jahren endlich zum Champion. Doch die Vertragsverhandlungen mit Williams scheiterten, Alain Prost kam für 1993 und Mansell wechselte in die amerikanische CART-Serie.
Dort gelang ihm ein außergewöhnlicher Erfolg. Mansell wurde 1993 gleich in seiner ersten Saison Meister. Trotzdem führte sein Weg schon 1994 wieder in die Formel 1. Nach Ayrton Sennas tödlichem Unfall brauchte Williams zusätzliche Erfahrung. Mansell kombinierte sein amerikanisches Programm mit einzelnen Grand-Prix-Einsätzen und gewann schließlich das Saisonfinale in Adelaide. Seine Geschwindigkeit war auch nach der ersten Pause nicht verschwunden.
Das McLaren-Comeback hinterlässt einen schlechten Eindruck
Aus diesen Gaststarts entstand für 1995 ein vollständiges Formel-1-Comeback. McLaren-Mercedes verpflichtete Mansell als prominenten Teamkollegen von Mika Häkkinen. Die Verbindung wurde jedoch zu einer der unglücklichsten Episoden seiner Karriere. Der MP4/10 war so eng konstruiert, dass Mansell zunächst nicht vernünftig ins Cockpit passte. Für die ersten beiden Saisonrennen musste Mark Blundell einspringen, während McLaren das Auto anpasste.
Als Mansell schließlich in Imola zurückkehrte, funktionierte die Zusammenarbeit kaum besser. Er wurde Zehnter. In Spanien gab er nach einem schwachen Wochenende auf und verließ McLaren anschließend endgültig. Zwei Grand-Prix-Starts hatten genügt. Gerade deshalb wirkte die Vorstellung einer weiteren Rückkehr Ende 1996 zunächst beinahe absurd. Mansell war 43 Jahre alt, seit anderthalb Jahren ohne Formel-1-Rennen und hatte nach seinem McLaren-Abenteuer eigentlich keinen Grund mehr, sich noch einmal etwas beweisen zu müssen.
Jordan sucht für 1997 einen neuen Weg
Jordan befand sich gleichzeitig an einem interessanten Punkt seiner Entwicklung. Seit dem Formel-1-Einstieg 1991 hatte sich das Team im Mittelfeld etabliert, der endgültige Schritt zur Spitzengruppe war jedoch ausgeblieben. 1996 fuhren Rubens Barrichello und Martin Brundle, Peugeot lieferte den V10-Motor und Benson & Hedges war inzwischen als wichtiger Titelsponsor eingestiegen.
Für 1997 plante Eddie Jordan einen personellen Neustart. Ralf Schumacher, der jüngere Bruder des zweimaligen Weltmeisters Michael Schumacher, war als Rookie bereits verpflichtet. Das zweite Cockpit blieb zunächst offen. Jordan konnte auf einen weiteren jungen Fahrer setzen – oder seiner Mannschaft mit einem großen Namen sofort zusätzliche Aufmerksamkeit und Erfahrung verschaffen. In dieser Situation bekam eine alte Verbindung zwischen Eddie Jordan und Nigel Mansell plötzlich neue Bedeutung.
Eine alte Bekanntschaft führt nach Barcelona
Jordan und Mansell kannten sich bereits aus den britischen Nachwuchsserien der späten 1970er-Jahre. Ihre Karrieren verliefen anschließend in völlig unterschiedliche Richtungen, doch der Kontakt blieb bestehen. Eddie Jordan hatte Mansell im Laufe der Jahre mehrfach darauf angesprochen, irgendwann für sein Team zu fahren. Ende 1996 bot sich erstmals eine realistische Gelegenheit.
Mansell besuchte die Jordan-Fabrik, beide Seiten führten Gespräche und vereinbarten schließlich einen Test auf dem Circuit de Catalunya. Öffentlich betonte Jordan zunächst, dass daraus keine Verpflichtung über diese Probefahrt hinaus entstehe. Das war zu diesem Zeitpunkt auch korrekt. Noch war Mansell kein ernsthafter Kandidat für eine komplette Saison. Der Test sollte zunächst zeigen, ob eine solche Idee überhaupt sportlich Sinn ergeben konnte.
Aus einer Probefahrt wird eine Standortbestimmung
Jordan stellte Mansell den 196 aus der abgelaufenen Saison zur Verfügung. Parallel testete Ralf Schumacher, der bereits umfangreiche Erfahrung mit dem Auto gesammelt hatte und sich auf seine erste Formel-1-Saison vorbereitete. Damit bekam Mansell einen brauchbaren, wenn auch keineswegs perfekten Vergleichsmaßstab.
Die Voraussetzungen sprachen zunächst für den jüngeren Fahrer. Mansell hatte seit Mai 1995 keinen Grand Prix mehr bestritten, die Formel-1-Autos hatten sich weiterentwickelt und Schumacher war zwanzig Jahre jünger. Mansell beschrieb den Test später als Gelegenheit, noch einmal Spaß in einem Formel-1-Auto zu haben. Doch dieser unverbindliche Charakter hielt nicht lange. Sobald die ersten Zeiten auf der Uhr erschienen, wurde aus der Probefahrt wieder ein Wettbewerb.
49 Runden verändern die ganze Geschichte
Am ersten Testtag absolvierte Mansell 49 Runden. Seine beste Zeit wurde mit 1:22,89 Minuten angegeben. Für Ralf Schumacher wurden 1:22,59 Minuten gemeldet. Nach dieser Messung fehlten dem 43-Jährigen lediglich drei Zehntelsekunden auf den jungen Deutschen, der zu diesem Zeitpunkt bereits rund 3.000 Testkilometer mit Jordan absolviert hatte. Andere zeitgenössische Berichte bezifferten den Abstand auf 0,46 Sekunden.
Solche Testzeiten dürfen nicht wie ein Qualifying-Ergebnis behandelt werden. Benzinmenge, Reifen, technische Programme und Streckenbedingungen können einen erheblichen Einfluss haben. Mansells Zeit bewies deshalb nicht, dass er 1997 zwangsläufig mit Schumacher hätte mithalten können. Sie beseitigte aber den wichtigsten Zweifel. Der ehemalige Weltmeister war auch nach seiner Pause keineswegs offensichtlich zu langsam für ein modernes Formel-1-Auto.
Mansell beginnt selbst wieder über ein Comeback nachzudenken
Nach anderthalb Testtagen standen insgesamt 59 Runden zu Buche. Mansell verwies anschließend selbst auf die Stoppuhr als wichtigsten Beleg dafür, dass er noch immer konkurrenzfähig fahren konnte. Bemerkenswerter war jedoch seine Einschätzung der eigenen Zukunft. Die Möglichkeit einer erneuten Rückkehr in die Formel 1 oder den amerikanischen Rennsport bezifferte er zeitweise mit ungefähr 60 zu 40.
Damit hatte der Test seinen ursprünglichen Zweck weit überschritten. Jordan besaß ein freies Cockpit, Mansell hatte gezeigt, dass seine Grundgeschwindigkeit noch vorhanden war, und beide Seiten begannen über die Bedingungen einer Zusammenarbeit zu sprechen. Aus einem Treffen zweier alter Bekannter war innerhalb weniger Tage eine echte Fahrerfrage für die Saison 1997 geworden.
Jetzt geht es um Geld und Verpflichtung
Eddie Jordan machte nach dem Test keinen Hehl daraus, dass Mansell die Sache ernst genommen hatte. Gleichzeitig lagen die Vorstellungen beider Seiten offenbar deutlich auseinander. Zeitgenössische Berichte nannten eine Forderung Mansells von ungefähr fünf Millionen Pfund beziehungsweise rund acht Millionen Dollar. Jordan bevorzugte dagegen ein stärker leistungsabhängiges Modell.
Für Jordan war das eine erhebliche Summe. Das Team verfügte mit Peugeot und Benson & Hedges inzwischen über starke Partner, konnte finanziell aber nicht mit Ferrari, Williams oder McLaren konkurrieren. Mansell wiederum brauchte kein Formel-1-Cockpit mehr, um seinen Ruf oder seine Karriere zu retten. Ein weiterer Versuch musste sich für ihn sportlich, finanziell und persönlich lohnen. Genau diese komfortable Ausgangslage machte eine Einigung schwieriger.
Das Fast-Comeback endet nach wenigen Tagen
Kurz nach dem Barcelona-Test fiel die Entscheidung. Mansell würde 1997 nicht für Jordan fahren. Öffentlich begründete er die Absage unter anderem damit, dass sein bereits bestehender Terminplan ihm nicht genügend Zeit lasse, um dem Team und dessen Sponsoren die erforderliche Aufmerksamkeit zu geben. Hinter den Kulissen dürften auch die finanziellen Vorstellungen eine Rolle gespielt haben.
Entscheidend für die Einordnung der Geschichte war jedoch Mansells eigene Beschreibung. Die ursprüngliche Idee sei lediglich gewesen, bei einem Test Spaß zu haben. Seine natürlichen Wettbewerbsinstinkte hätten jedoch schnell übernommen, und daraus sei eine ernsthafte Möglichkeit für eine Rückkehr entstanden. Das Comeback war damit keine später erfundene Transferlegende. Der Test hatte Mansell selbst darüber nachdenken lassen, noch einmal eine vollständige Formel-1-Saison zu fahren.
Jordan entscheidet sich für die Jugend
Eddie Jordan akzeptierte Mansells Entscheidung und erklärte trotzdem, er halte den ehemaligen Weltmeister weiterhin für schnell genug, um Rennen zu gewinnen. Für das Team bedeutete die Absage, dass die Suche nach dem zweiten Fahrer weiterging. Am 13. Januar 1997 wurde schließlich Giancarlo Fisichella als Teamkollege von Ralf Schumacher bestätigt.
Damit wählte Jordan am Ende das genaue Gegenteil des Mansell-Modells. Statt eines 43-jährigen Weltmeisters setzte das Team auf zwei junge Fahrer mit Entwicklungspotential. Fisichella hatte 1996 einige Rennen für Minardi bestritten und galt als großes Talent, Schumacher kam als Formel-1-Neuling. Rückblickend erwies sich diese Kombination sportlich als ausgesprochen interessant – vor allem, weil Jordan für 1997 sein bis dahin bestes Auto gebaut hatte.
Der Jordan 197 macht die Absage rückblickend spannender
Der neue Jordan 197 mit Peugeot-V10 brachte dem Team 1997 insgesamt 33 WM-Punkte und Rang fünf in der Konstrukteurswertung. Ralf Schumacher wurde bereits beim dritten Saisonrennen in Argentinien Dritter. Fisichella stand in Kanada ebenfalls auf dem Podium und erreichte in Belgien sogar Rang zwei. Der Italiener beendete die Saison mit 20 Punkten, Schumacher kam auf 13.
Besonders Fisichella zeigte mehrfach, welches Potential im Auto steckte. In Deutschland qualifizierte er sich für die erste Startreihe und kämpfte lange mit Gerhard Berger um ein Spitzenresultat. In Spa musste er sich nur Michael Schumacher im Ferrari geschlagen geben. Mansell hätte also nicht für ein hoffnungsloses Mittelfeldprojekt unterschrieben. Jordan besaß 1997 tatsächlich ein Auto, mit dem unter passenden Bedingungen Podestplätze erreichbar waren.
Hätte Mansell selbst noch einmal auf dem Podium stehen können?
Diese Frage lässt sich nur vorsichtig beantworten. Ein Wintertest reicht nicht aus, um Mansells Leistungen über eine komplette Saison vorherzusagen. Er hätte 17 Grand Prix absolvieren, körperlich mit wesentlich jüngeren Fahrern mithalten und sich wieder vollständig auf die Anforderungen eines modernen Formel-1-Jahres einstellen müssen. Gerade sein McLaren-Abenteuer von 1995 hatte gezeigt, dass ein prominenter Name und frühere Erfolge keine Garantie für ein gelungenes Comeback waren.
Trotzdem wäre ein weiteres Podium nicht völlig unrealistisch gewesen. Der Test in Barcelona zeigte zumindest, dass Mansells Grundgeschwindigkeit noch vorhanden war. Gleichzeitig bewies der Jordan 197 später, dass er tatsächlich weit genug nach vorne fahren konnte. Ein Sieg wäre eine deutlich größere Spekulation. Ein einzelnes starkes Ergebnis unter passenden Umständen lässt sich dagegen historisch durchaus vertreten.
Fisichellas Karriere hätte anders beginnen können
Ein Mansell-Vertrag hätte außerdem weit über die Karriere des Weltmeisters hinausgewirkt. Giancarlo Fisichella bekam genau jenes Cockpit, das nach der Absage verfügbar blieb. Seine Leistungen im Jordan 197 machten ihn endgültig zu einem der gefragtesten jungen Fahrer der Formel 1. Nach Podestplätzen in Kanada und Belgien wechselte er für 1998 zu Benetton.
Hätte Mansell neben Ralf Schumacher unterschrieben, wäre Fisichellas Weg erheblich komplizierter geworden. Vielleicht hätte er bei einem anderen Team eine Chance erhalten, vielleicht wäre sein Durchbruch nur verschoben worden. Sicher ist lediglich, dass Jordan 1997 die Bühne bot, auf der er sich als zukünftiger Spitzenfahrer empfehlen konnte. Mansells Entscheidung beeinflusste deshalb nicht nur seine eigene Karriere, sondern öffnete gleichzeitig einem anderen Fahrer eine entscheidende Tür.
Der Test gibt Mansell ein besseres Ende
Aus Mansells Sicht war die Absage nachvollziehbar. Er war Formel-1-Weltmeister, IndyCar-Champion und 31-facher Grand-Prix-Sieger. Nach dem schwierigen McLaren-Jahr bestand kaum ein Grund, für ein weiteres Comeback alles zu riskieren. Eine komplette Saison hätte volle körperliche Vorbereitung, erhebliche Reisebelastung und eine erneute vollständige Unterordnung unter den Formel-1-Alltag verlangt.
Gerade deshalb besitzt der Jordan-Test rückblickend einen eigenen Wert. Betrachtet man nur die Grand-Prix-Statistik, endet Mansells Formel-1-Karriere im Mai 1995 mit einem Ausfall in Spanien und einer missglückten McLaren-Episode. Barcelona 1996 liefert ein anderes Schlussbild. Eineinhalb Jahre später stieg Mansell noch einmal in ein aktuelles Auto und zeigte, dass sein vorheriger Abschied nicht einfach darauf zurückzuführen war, dass er grundsätzlich zu langsam geworden war.
Fast zurück
Die Karriere war beendet – doch plötzlich öffnete sich noch einmal eine Tür. GrandPrix-Geschichte rekonstruiert Comebacks, die weit mehr als Gerüchte waren und trotzdem nie zustande kamen.
Mit 43 Jahren war die Tür noch einmal offen
Nigel Mansell kam im Dezember 1996 nach Barcelona, ohne bereits ein weiteres Formel-1-Jahr zu planen. Eddie Jordan wollte wissen, was sein alter Bekannter noch konnte. Mansell wollte noch einmal fahren. Nach weniger als zwei Testtagen hatten sich die Voraussetzungen verändert. Die Zeiten waren konkurrenzfähig genug, Jordan war bereit weiterzureden und Mansell selbst betrachtete eine Rückkehr plötzlich als ernsthafte Möglichkeit.
Am Ende scheiterte sie nicht daran, dass die Formel 1 für ihn sportlich unerreichbar geworden war. Geld, Zeitaufwand und die Frage nach der notwendigen vollständigen Verpflichtung überwogen den Reiz eines weiteren Versuchs. Giancarlo Fisichella bekam das freie Cockpit und zeigte anschließend, wie gut der Jordan 197 tatsächlich war.
Nigel Mansell fuhr nie wieder einen Formel-1-Grand-Prix. Der Test von Barcelona hinterließ ihm jedoch einen wesentlich passenderen Schlusspunkt als sein kurzes McLaren-Abenteuer: Mit 43 Jahren war er offenbar noch schnell genug. Er wollte nur nicht mehr um jeden Preis zurück.
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