Ein aufblasbarer Esel reiste 2004 mit den Mechanikern von Jaguar durch das Formel-1-Fahrerlager, wurde zum gefragten Fotomodell und besetzte beim Saisonfinale ausgerechnet Michael Schumachers Stuhl. Hinter dem harmlosen Spaß stand ein Team, dessen Zukunft längst auf dem Spiel stand.
Ein Weltmeister ohne Platz
Als Michael Schumacher am 24. Oktober 2004 zum offiziellen Fahrerfoto des Großen Preises von Brasilien erschien, war sein Platz bereits besetzt. Auf dem für den Ferrari-Piloten vorgesehenen Stuhl saß ein großer aufblasbarer Esel aus der Filmwelt von Shrek. Rundherum versammelten sich die Fahrer zum traditionellen Gruppenbild des Saisonfinales. Nur der siebenmalige Weltmeister musste zunächst feststellen, dass eine Kunststofffigur mit breitem Grinsen schneller gewesen war.
Die Szene wirkte, als hätte sich jemand einen besonders unwahrscheinlichen Formel-1-Witz ausgedacht. Schumacher hatte in diesem Jahr bereits seinen siebten WM-Titel gewonnen, Ferrari die Saison über weite Strecken beherrscht. Nun stand der erfolgreichste Fahrer seiner Zeit vor seinem Stuhl und fand darauf ausgerechnet das inoffizielle Maskottchen eines Teams, das sportlich und wirtschaftlich vor dem Ende stand. Die überlieferte Bildbeschreibung hält weder einen Wortwechsel noch Schumachers Reaktion fest. Das Bild brauchte beides nicht.
Der Esel war zu diesem Zeitpunkt längst mehr als eine zufällig mitgebrachte Dekoration. Nach Angaben der Associated Press begleitete die Figur die Mechaniker von Jaguar seit dem Großen Preis von Belgien. In den folgenden Wochen entwickelte sie sich zu einem Running Gag, der von Rennstrecke zu Rennstrecke weitergetragen wurde. Beim Saisonfinale in Interlagos erreichte dieser Scherz seinen sichtbarsten Moment: Donkey hatte sich mitten in das wichtigste Gruppenbild des Wochenendes geschoben.
Wie Donkey das Fahrerlager eroberte
Der genaue Ursprung der Figur lässt sich aus den zeitgenössischen Quellen nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Spätere Darstellungen führen den aufblasbaren Esel auf eine Werbeaktion oder ein Gewinnspiel zurück. Gesichert ist dagegen, dass Mitglieder beziehungsweise Mechaniker des Jaguar-Teams ihn während der Schlussphase der Saison 2004 mitführten und als inoffizielles Maskottchen behandelten. Aus einem Gegenstand, der normalerweise in einem Kinderzimmer oder auf einer Freizeitveranstaltung zu erwarten gewesen wäre, wurde ein ungewöhnlicher Reisebegleiter im Formel-1-Zirkus.
Die Idee lebte davon, Donkey nicht einfach nur im Hintergrund abzustellen. Die Figur wurde gezielt in kleine Bildgeschichten eingebaut. Beim Japan-Grand-Prix in Suzuka veröffentlichte Autosport am 8. Oktober 2004 Aufnahmen unter den Bildunterschriften „Donkey does scuba“ und „Donkey does surfing“. Der Esel wurde also beim Tauchen und Surfen inszeniert, obwohl ein verregnetes Rennwochenende und ein herannahender Taifun der Formel 1 eigentlich genügend ernsthafte Themen lieferten.
Damit entstand eine fortlaufende Fotoreihe, deren Reiz gerade in ihrer Schlichtheit lag. Ein aufblasbarer Animationsfilmcharakter tauchte dort auf, wo sonst Rennwagen, Ingenieure, Sponsorenvertreter und streng kontrollierte Abläufe das Bild bestimmten. Donkey benötigte keine komplizierte Pointe. Es genügte, ihn in eine neue Situation zu setzen und so zu behandeln, als gehöre er selbstverständlich zum reisenden Personal eines Formel-1-Teams.
Bis Brasilien war die Figur weit über die Jaguar-Box hinaus bekannt. Die Autosport-Galerie vom Rennsonntag dokumentiert weitere Auftritte im Fahrerlager und zeigt, dass auch Fahrer sowie prominente Vertreter der Formel 1 in den Scherz einbezogen wurden. Eine Bildunterschrift widmete sich Jenson Button mit Donkey, eine andere fasste den fortgesetzten Unsinn knapp als erneuten Auftritt des Esels zusammen. Aus einem Mechaniker-Scherz war ein gemeinsames Fotomotiv des Fahrerlagers geworden.
Hinter dem Witz stand ein Team vor dem Aus
Während Jaguar um seine Zukunft kämpfte, hatte ausgerechnet ein aufblasbarer Esel die beste Zeit seines Lebens. Der Gegensatz war kaum zu übersehen. Jaguar Racing war zur Saison 2000 aus dem von Ford übernommenen Stewart-Team hervorgegangen. Der Name Jaguar sollte einen großen Werkseinsatz verkörpern und hohe sportliche Erwartungen erfüllen. Stattdessen blieb die Mannschaft in fünf Saisons bei zwei Podestplätzen und fand nie dauerhaft den Anschluss an die Spitzenteams.
Im September 2004 kündigte Ford an, sein Formel-1-Engagement zum Saisonende einzustellen. Jaguar Racing und der Motorenhersteller Cosworth sollten verkauft werden. Gleichzeitig verschärfte der angekündigte Abschied mehrerer Sponsoren die Lage. Beim letzten Rennen in Brasilien war noch kein Käufer bekannt. Hinter den grünen Stellwänden arbeiteten Menschen, die nicht sicher wissen konnten, ob das Team in dieser Form überhaupt eine Zukunft haben würde.
Der Esel machte diese Situation nicht weniger ernst. Er löste keine finanziellen Probleme und änderte nichts am sportlichen Scheitern des Projekts. Doch die zeitgenössische Rückschau von Atlas F1 ordnete seine Auftritte als willkommene Auflockerung in einem reisemüden und politisch angespannten Fahrerlager ein. Darin lag seine eigentliche Bedeutung: Die Figur schuf für einige Augenblicke Raum für Albernheit, während um Jaguar, Cosworth und die Zukunft zahlreicher Beschäftigter gerungen wurde.
Wie aus dem großen Ford-Projekt innerhalb weniger Jahre ein Formel-1-Sorgenkind wurde, zeigt die ausführliche Geschichte der ersten Jaguar-Jahre.
Bernie, das FIA-Siegel und der große Auftritt
In Interlagos wurde Donkey endgültig zu einer kleinen Berühmtheit. Die Figur wanderte durch das Fahrerlager, tauchte auf Fotografien auf und erreichte schließlich auch die Führungsebene der Formel 1. Eine zeitgenössische Autosport-Bildunterschrift dokumentiert, wie Bernie Ecclestone den Esel signierte. Zugleich trug die Figur demnach ein als offiziell bezeichnetes FIA-Siegel. Mehr institutionelle Anerkennung konnte ein aufblasbares Maskottchen im Jahr 2004 kaum erwarten.
Natürlich machte die Unterschrift aus Donkey kein offiziell zugelassenes Mitglied des Jaguar-Teams. Gerade diese Vermischung von streng geregeltem Grand-Prix-Betrieb und vollkommen zweckfreiem Unsinn verlieh der Geschichte jedoch ihren Reiz. Die Formel 1 war damals längst ein globales Geschäft mit Milliardenbudgets, Werksteams und erbitterten politischen Auseinandersetzungen. Trotzdem konnte eine Kunststofffigur ohne sportliche Funktion durch das Fahrerlager gereicht, fotografiert, signiert und sogar mit einem FIA-Siegel versehen werden.
Die Szene beim Fahrerfoto war der logische Höhepunkt dieses Running Gags. Dort trafen die beiden Ebenen unmittelbar aufeinander: Auf der einen Seite Michael Schumacher, der die Saison mit Ferrari dominiert hatte und bereits als Weltmeister feststand. Auf der anderen Seite ein aufblasbarer Esel aus dem Umfeld eines Teams, das sein letztes Rennen bestritt. Für einen kurzen Moment beanspruchte Donkey denselben Platz wie der Mann, um den sich ein Großteil der Formel-1-Saison gedreht hatte.
Sportlich hatte Jaguar an diesem Wochenende wenig zu lachen. Der Esel dagegen war längst im Zentrum des Fahrerlagers angekommen. Er war fotografiert, inszeniert, von Bernie Ecclestone signiert und schließlich zwischen die Fahrer gesetzt worden. Die Geschichte funktionierte nicht, weil die Figur wichtig gewesen wäre. Sie funktionierte, weil alle Beteiligten für einen Augenblick so taten, als wäre sie es.
Jaguars Abschied mit einem Knall
Nach dem Fahrerfoto begann für Jaguar der sportliche Teil des Abschieds. Mark Webber ging vor seinem Teamkollegen Christian Klien ins Rennen. Beide Jaguar bewegten sich außerhalb der Spitzenpositionen, während an der Spitze Juan Pablo Montoya im Williams-BMW, Kimi Räikkönen im McLaren und der von der Poleposition gestartete Rubens Barrichello um den Sieg kämpften. Für Jaguar ging es nicht mehr um große Erfolge, sondern um einen möglichst würdigen Abschluss nach fünf enttäuschenden Jahren.
Dieser Abschluss misslang gründlich. In der 24. von 71 Runden kollidierten Webber und Klien auf der noch stellenweise feuchten Strecke miteinander. Webber musste seinen Jaguar nach 23 absolvierten Runden abstellen. Klien schleppte sein beschädigtes Auto zurück an die Box, konnte nach Reparaturen weiterfahren und erreichte schließlich als 14. mit zwei Runden Rückstand das Ziel. Ausgerechnet im letzten Grand Prix der Teamgeschichte hatten sich die beiden grünen Wagen gegenseitig getroffen.
Montoya gewann den Großen Preis von Brasilien vor Räikkönen und Barrichello. Jaguar verließ Interlagos ohne Punkte und mit einem Bild, das beinahe zu passend wirkte, um wahr zu sein. Vor dem Rennen hatte ein aufblasbarer Esel für das meistbeachtete Jaguar-Motiv gesorgt. Im Rennen selbst kollidierten die beiden Autos miteinander. Es war kein geplanter symbolischer Schlusspunkt, sondern schlicht ein unglücklicher Zwischenfall zur denkbar ungünstigsten Zeit.
Jaguar Racing verschwand nach diesem Rennen aus der Formel 1. Ford verkaufte die Mannschaft anschließend an Red Bull, das auf ihrer Grundlage Red Bull Racing aufbaute. Die Fabrik in Milton Keynes wurde damit zum Ausgangspunkt einer der erfolgreichsten Mannschaften der folgenden Jahrzehnte. Der Name Jaguar war verschwunden, doch ein großer Teil der vorhandenen Struktur lebte unter neuer Führung weiter.
Der aufblasbare Esel blieb dagegen als eine jener kleinen Geschichten erhalten, die in keiner sportlichen Statistik auftauchen. Er gewann kein Rennen, erzielte keinen Punkt und veränderte nicht den Lauf der Formel-1-Geschichte. Doch für einige Wochen brachte Donkey Leichtigkeit in ein Team und ein Fahrerlager, die genügend ernste Sorgen hatten. Und beim letzten Jaguar-Rennen gelang ihm etwas, das selbst vielen Fahrern verwehrt blieb: Er nahm Michael Schumacher den Platz weg.
