Am 4. August 1985 schien sich auf dem Nürburgring zu erfüllen, worauf der italienische Motorsport seit Jahrzehnten gewartet hatte. Michele Alboreto gewann im roten Ferrari den Großen Preis von Deutschland und verwies ausgerechnet Alain Prost auf den zweiten Platz. Der Franzose war nicht nur einer der komplettesten Fahrer seiner Generation, sondern auch Alboretos unmittelbarer Gegner im Kampf um die Weltmeisterschaft. Nach neun von 16 Saisonrennen führte der Italiener die Gesamtwertung mit fünf Punkten Vorsprung an. Ferrari besaß wieder einen ernsthaften Titelkandidaten – und dieser Fahrer kam aus Italien.
Der Erfolg auf dem neuen Grand-Prix-Kurs war Alboretos fünfter Sieg in der Formel 1. Niemand konnte an diesem Nachmittag ahnen, dass es zugleich sein letzter bleiben würde. Noch weniger deutete darauf hin, dass seine realistische Chance auf die Weltmeisterschaft innerhalb weniger Wochen zerbrechen sollte. Alboreto hatte Prost nicht durch glückliche Umstände oder eine ungewöhnliche Häufung gegnerischer Ausfälle herausgefordert. Er war schnell, konstant und taktisch gereift. Doch während McLaren seine Stärke über die gesamte Saison bewahrte, verlor Ferrari im entscheidenden Moment Leistung und Zuverlässigkeit.
Der Italiener, den Enzo Ferrari auswählte
Michele Alboreto entsprach nicht dem Bild eines lauten und extrovertierten Rennfahrers. Der am 23. Dezember 1956 in Mailand geborene Italiener galt abseits der Strecke als höflich, zurückhaltend und zugänglich. Im Cockpit zeigte er eine andere Seite. Dort fuhr er entschlossen, belastbar und bei Bedarf kompromisslos. Die gelb-blaue Gestaltung seines Helms erinnerte an sein Vorbild Ronnie Peterson. Alboreto selbst inszenierte sich nicht als nationale Erlöserfigur. Doch genau diese Rolle wurde ihm später bei Ferrari zugeschrieben.
Seine ersten Schritte im Motorsport unternahm Alboreto 1976 in der italienischen Formel Monza. Über die Formula Italia gelangte er in die Formel 3, wo ihm 1980 der entscheidende Durchbruch gelang. Im March-Alfa Romeo gewann er die europäische Meisterschaft vor Thierry Boutsen und Corrado Fabi. Ken Tyrrell erkannte sein Potenzial und ermöglichte ihm 1981 den Einstieg in die Formel 1. Parallel sammelte Alboreto im Sportwagenbereich wichtige Erfahrungen – ein zweiter Karriereweg, der viele Jahre später noch einmal große Bedeutung erhalten sollte.
Seine ersten beiden Grand-Prix-Siege errang Alboreto nicht in einem überlegenen Auto. Beim Saisonfinale 1982 gewann er im Tyrrell 011 auf dem Parkplatzkurs von Caesars Palace in Las Vegas. Ein Jahr später siegte er auf dem Straßenkurs von Detroit, nachdem Nelson Piquet durch einen Reifenschaden zurückgefallen war. Es waren die letzten beiden Formel-1-Erfolge des traditionsreichen Tyrrell-Teams. Der Sieg in Detroit war zugleich der letzte Grand-Prix-Erfolg eines Saugmotors, bevor die Turbomotoren bis zum Ende der Saison 1988 sämtliche weiteren Rennen gewannen.
Alboreto hatte damit gezeigt, dass er Gelegenheiten erkannte und konsequent nutzte, selbst wenn sein Material nicht zu den stärksten im Feld gehörte. Diese Fähigkeit überzeugte auch Enzo Ferrari. Der Commendatore war nach den tödlichen Unfällen mehrerer italienischer Fahrer gegenüber Landsleuten im eigenen Team vorsichtiger geworden. Dennoch verpflichtete er Alboreto für die Saison 1984. Damit wurde der Mailänder der erste italienische Ferrari-Stammfahrer seit Arturo Merzario im Jahr 1973.
Der erste Sieg in Rot
Bereits sein drittes Rennen für Ferrari brachte Alboreto den ersten Sieg. Beim Großen Preis von Belgien 1984 in Zolder startete er von der Poleposition, führte sämtliche Runden und gewann vor Derek Warwick und seinem Teamkollegen René Arnoux. Damit war er der erste Italiener seit Ludovico Scarfiotti beim Großen Preis von Italien 1966, der wieder ein Formel-1-Rennen für Ferrari gewann. Die fast 18-jährige Lücke verdeutlichte, welche symbolische Bedeutung dieser Erfolg für die italienischen Tifosi besaß.
Alboreto war plötzlich nicht mehr nur Ferraris neuer Fahrer. Er war der Mann, der eine lange unterbrochene Tradition fortsetzen sollte. Der Ferrari 126C4 war 1984 allerdings nicht stark genug, um McLaren ernsthaft herauszufordern. Niki Lauda und Alain Prost gewannen gemeinsam zwölf der 16 Saisonrennen. Alboreto erzielte neben seinem Sieg in Zolder zweite Plätze in Monza und auf dem Nürburgring sowie Rang drei in Österreich. In der Weltmeisterschaft wurde er mit 30,5 Punkten Vierter und lag damit deutlich vor Arnoux.
Die Saison bestätigte, dass Ferrari mit Alboreto einen Fahrer besaß, der Rennen gewinnen und eine Mannschaft anführen konnte. Für einen Titelkampf brauchte es jedoch ein Auto, das nicht nur auf einzelnen Strecken, sondern über eine komplette Saison konkurrenzfähig blieb. Diese Hoffnung verband die Scuderia mit dem neuen 156/85. Der unter Harvey Postlethwaites Leitung entwickelte Wagen war kompakter und zu Saisonbeginn ausgewogener als sein Vorgänger. Sein 1,5-Liter-V6-Turbomotor bot genügend Leistung, während das Chassis Alboretos präziser und materialschonender Fahrweise entgegenkam.
Alboreto wird zum Titelkandidaten
Der Saisonauftakt 1985 in Brasilien lieferte das erste Signal. Alboreto stellte den Ferrari auf die Poleposition und beendete das Rennen als Zweiter hinter Prost. Zwei Wochen später herrschten in Portugal schwierige Bedingungen. Ayrton Senna dominierte im strömenden Regen, doch Alboreto blieb als einziger Fahrer in derselben Runde und wurde erneut Zweiter. Nach zwei Rennen führte der Ferrari-Pilot die Weltmeisterschaft an. Dieser Auftakt beruhte nicht auf einem einzelnen außergewöhnlichen Resultat, sondern auf zwei kontrollierten Leistungen unter völlig unterschiedlichen Bedingungen.
Beim Großen Preis von San Marino fiel Alboreto wegen eines elektrischen Problems aus und verlor die WM-Führung vorübergehend an Elio de Angelis. In Monaco folgte eine seiner stärksten Fahrten. Alboreto überholte zunächst Nigel Mansell und übernahm nach Ayrton Sennas Ausfall die Führung. Nach einer Kollision zwischen Nelson Piquet und Riccardo Patrese gelangte Öl auf die Strecke. Alboreto rutschte in Sainte Dévote in die Auslaufzone und musste Prost vorbeiziehen lassen, eroberte die Spitze jedoch wenig später auf der Strecke zurück.
Ein späterer Reifenschaden zwang Alboreto zu einem zusätzlichen Boxenstopp. Trotzdem kämpfte er sich noch auf den zweiten Platz zurück. Monaco war wichtig für die Wahrnehmung des Titelkampfes. Prost gewann, doch Alboreto hatte gezeigt, dass er den McLaren aus eigener Kraft unter Druck setzen und auf der Strecke überholen konnte. Seine Stärke lag in der Verbindung aus Tempo, Übersicht und Widerstandsfähigkeit. Selbst nach mehreren Rückschlägen verlor er nicht die Kontrolle über sein Rennen.
Beim folgenden Grand Prix in Kanada verwandelte Alboreto diese Konkurrenzfähigkeit in einen Sieg. Ferrari feierte in Montreal einen Doppelerfolg, nachdem Stefan Johansson den zweiten Platz erreicht hatte. Der Erfolg brachte Alboreto zurück an die Spitze der Weltmeisterschaft. Eine Woche später wurde er in Detroit Dritter. In Frankreich fiel er aus, doch beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone antwortete er mit einem zweiten Platz hinter Prost. Nach acht Rennen hatte sich der Titelkampf zunehmend auf Ferrari gegen McLaren und Alboreto gegen Prost zugespitzt.
Für Ferrari besaß dieses Duell eine historische Dimension. Der letzte italienische Formel-1-Weltmeister war Alberto Ascari im Jahr 1953 gewesen. Seitdem hatten zwar mehrere Italiener Rennen gewonnen, doch keiner war über einen längeren Zeitraum so nahe an einen Titelgewinn herangekommen wie Alboreto. Gleichzeitig wartete Ferrari seit Jody Scheckters Erfolg von 1979 auf eine Fahrerweltmeisterschaft. Der Mailänder sollte zwei Sehnsüchte zugleich erfüllen: die nationale nach einem italienischen Champion und die sportliche nach Ferraris Rückkehr an die Spitze.
Der 4. August 1985 auf dem Nürburgring
Zum ersten Mal seit 1976 trug der Nürburgring wieder den Großen Preis von Deutschland aus. Bereits 1984 hatte der neu eröffnete Grand-Prix-Kurs den Großen Preis von Europa beherbergt. Das Qualifying brachte ein unerwartetes Ergebnis. Teo Fabi stellte den Toleman-Hart auf die Poleposition, Stefan Johansson qualifizierte sich im zweiten Ferrari für Startplatz zwei. Prost folgte auf Rang drei, während Alboreto nicht über den achten Startplatz hinauskam. Regen am Samstag verhinderte weitere Verbesserungen, sodass die Zeiten des ersten Qualifikationstages über die Startaufstellung entschieden.
Alboretos Rennen begann beinahe mit einer Katastrophe. Beim Anbremsen der ersten Kurve blockierten die Räder seines Ferrari. Er traf das rechte Hinterrad seines Teamkollegen Johansson und beschädigte dessen Reifen. Der Schwede musste eine vollständige Runde langsam zurücklegen, bevor er die Box erreichte. Alboretos eigener Ferrari überstand den Zwischenfall. Ayrton Senna schoss im Lotus zunächst an die Spitze, doch Keke Rosberg überholte ihn noch im Verlauf der ersten Runde und übernahm die Führung.
Rosberg und Senna konnten sich zunächst absetzen. Dahinter stabilisierte Alboreto sein Rennen und fuhr in einer Gruppe mit Elio de Angelis und Prost. In Runde 14 überholte Senna den Williams und übernahm erneut die Führung. Dreizehn Umläufe später endete sein Rennen jedoch durch einen Defekt an der Antriebswelle. Rosberg lag damit wieder vorne und schien den Grand Prix zunächst kontrollieren zu können. Alboreto blieb dennoch in Schlagdistanz, während Prost im McLaren auf dieselbe Gelegenheit wartete.
Ab etwa Runde 40 bekam Rosberg zunehmend Probleme mit den Bremsen. Alboreto und Prost schlossen innerhalb weniger Umläufe zu ihm auf. Am Ende der 45. Runde erreichten alle drei nahezu gemeinsam die letzte Kurve. Rosberg fuhr als Führender hinein, kam jedoch nur noch als Dritter heraus. Alboreto hatte die Spitze übernommen, Prost folgte unmittelbar dahinter. Der Zweikampf um den Grand-Prix-Sieg war damit zugleich ein direktes Duell um die Führung in der Weltmeisterschaft.
In der Schlussphase begann der Ferrari beim Beschleunigen aus langsamen Kurven leicht zu rauchen. Prost konnte hoffen, dass Alboretos Technik erneut versagen würde. Doch der Zustand verschlechterte sich nicht. Stattdessen unterlief dem McLaren-Piloten am Ende der 58. Runde ein Fehler. Prost blockierte beim Anbremsen der letzten Kurve die Hinterräder und drehte sich in die Auslaufzone. Er hielt den Motor am Laufen und verteidigte den zweiten Platz, verlor aber den unmittelbaren Anschluss an den Ferrari.
Alboreto kontrollierte die letzten Runden und erreichte das Ziel mit 11,661 Sekunden Vorsprung. Jacques Laffite wurde im Ligier Dritter, Thierry Boutsen folgte im Arrows auf Rang vier. Zwölf Fahrer wurden klassifiziert, obwohl Pierluigi Martini und Rosberg das Rennen nicht beendeten. Zahlreiche Konkurrenten waren zuvor mit technischen Problemen ausgeschieden. Alboretos Leistung war dennoch weit mehr als das Ergebnis eines unübersichtlichen Rennens. Er hatte sich nach Startplatz acht, der Berührung mit Johansson und dem späten Druck durch Prost durchgesetzt.
Mit dem Sieg erhöhte Alboreto sein Punktekonto auf 46 Zähler. Prost stand bei 41. Noch sieben Rennen waren zu fahren, und Ferrari führte mit seinem italienischen Fahrer die Weltmeisterschaft an. Rückblickend wirkt der Nürburgring wie der Höhepunkt einer Entwicklung, die sich seit Alboretos Tyrrell-Jahren aufgebaut hatte. Am 4. August 1985 war er nicht mehr der Außenseiter, der günstige Gelegenheiten nutzte. Er hatte den kommenden Weltmeister im direkten Kampf geschlagen und die Führung in einem völlig offenen Titelduell ausgebaut.
Der Moment, in dem Ferrari die Kontrolle verlor
Zwei Wochen später wurde Alboreto in Österreich Dritter. Prost gewann das Rennen, wodurch beide Fahrer nun jeweils 50 Punkte besaßen. Wegen seiner vier Saisonsiege gegenüber Alboretos zwei Erfolgen lag der Franzose im Countback jedoch vorn. Beim folgenden Großen Preis der Niederlande siegte Niki Lauda knapp vor Prost. Alboreto kam mit deutlichem Rückstand als Vierter ins Ziel. Damit übernahm Prost auch nach Punkten die alleinige WM-Führung: 56 Zähler für den McLaren-Piloten, 53 für Alboreto.
Ferraris Probleme beschränkten sich nicht auf gewöhnliche Schwankungen während einer langen Saison. Der 156/85 hatte zu Beginn des Jahres Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit miteinander verbunden. Im Spätsommer verlor das Auto jedoch zunehmend beides. Über die genauen Ursachen wurde später unterschiedlich geurteilt. Eine häufig wiedergegebene Erklärung führt zu Enzo Ferraris Misstrauen gegenüber dem bisherigen Turboladerlieferanten KKK. In Maranello bestand offenbar die Sorge, McLarens TAG-Porsche-Motoren könnten bevorzugt mit besonders guten Komponenten versorgt werden.
Nach dieser Darstellung forcierte Enzo Ferrari deshalb den Einsatz von Garrett-Turboladern. Die Umstellung gilt als wichtiger Teil der späteren Probleme, war aber vermutlich nicht deren einzige Ursache. Der Ferrari-Motor war auf die bisherigen Komponenten abgestimmt, während die Scuderia zugleich an der Motorperipherie und an aerodynamischen Details arbeitete. Innerhalb einer laufenden Saison entstand daraus kein stabiles Gesamtpaket. Ein Auto, das Alboreto im Frühjahr regelmäßig auf das Podium gebracht hatte, wurde zunehmend unzuverlässig und schwer einzuschätzen.
Beim Heimrennen in Monza blieb Alboreto erstmals in jener entscheidenden Schlussphase ohne Punkte. Prost gewann und vergrößerte seinen Vorsprung. In Spa fiel der Ferrari erneut aus, während der McLaren-Pilot als Dritter weitere vier Punkte sammelte. Beim Großen Preis von Europa in Brands Hatch endete Alboretos Rennen nach einem spektakulären Turboschaden. Er brachte den brennenden Ferrari noch bis an die Box. Prost genügte der vierte Platz, um seine erste Weltmeisterschaft vorzeitig zu sichern.
Auch in Südafrika und Australien erreichte Alboreto das Ziel nicht. Damit blieb er in den letzten fünf Saisonrennen vollständig ohne Punkte. Bis einschließlich Zandvoort hatte er in elf Grands Prix 53 Zähler gesammelt und acht Podestplätze erreicht. In den verbleibenden fünf Läufen kam nichts mehr hinzu. Prost beendete die Saison mit 73 gewerteten Punkten und 20 Zählern Vorsprung. Ferrari verlor außerdem die Konstrukteursweltmeisterschaft an McLaren. Aus einem engen Duell war innerhalb weniger Wochen eine klare Niederlage geworden.
Hat Ferrari Alboreto um die Weltmeisterschaft gebracht?
Die einfache Erzählung lautet, Ferrari habe Alboreto den Titel genommen. Vollständig gerecht wird sie der Saison nicht. Prost gewann fünf Rennen, fuhr äußerst kontrolliert und nutzte die Stärken des McLaren MP4/2B konsequent. Er hatte bereits 1983 und 1984 schmerzhafte Niederlagen im Titelkampf erlebt und war 1985 mental wie taktisch auf die entscheidenden Wochen vorbereitet. Alboreto führte die Weltmeisterschaft lange an, besaß aber nie einen ausreichend großen Vorsprung, um mehrere punktlose Rennen abfangen zu können.
Prost bekam die Weltmeisterschaft nicht geschenkt. Er verdiente sie sich durch Tempo, Beständigkeit und seine Fähigkeit, auch an schwierigen Wochenenden Punkte mitzunehmen. Ebenso falsch wäre es jedoch, Alboretos Niederlage hauptsächlich mit fahrerischen Defiziten zu erklären. Bis zum technischen Einbruch Ferraris hatte er Prost über elf Rennen hinweg unter Druck gesetzt. Er gewann in Kanada und Deutschland, wurde viermal Zweiter und zweimal Dritter. Seine Ausfälle in der ersten Saisonhälfte waren überwiegend technisch bedingt.
Auf dem Nürburgring besiegte Alboreto Prost im direkten Kampf, in Monaco hatte er ihn auf der Strecke überholt. Die Ergebnisse zeigen keinen Fahrer, der unter dem Druck einer Weltmeisterschaft zusammenbrach. Sie zeigen einen Fahrer, dessen Auto genau in jener Phase versagte, in der Titelkämpfe entschieden werden. Nach einer später verbreiteten Darstellung soll Enzo Ferrari gegenüber seinem Vertrauten Franco Gozzi mehrfach erklärt haben, man schulde Alboreto eine Weltmeisterschaft. Die Aussage ist kein technischer Beweis, beschreibt aber die Wahrnehmung innerhalb der Scuderia.
Alboreto hatte seine Aufgabe erfüllt. Er war schnell, konstant und im direkten Duell konkurrenzfähig gewesen. Die entscheidende Schwäche lag nicht in seiner Fähigkeit, um einen Titel zu fahren, sondern in Ferraris Unvermögen, ein stark begonnenes Projekt bis zum Saisonende stabil weiterzuentwickeln. Dennoch blieb 1985 kein gestohlener Titel, sondern eine verlorene Chance. Prost und McLaren hielten dem Druck stand. Alboreto und Ferrari konnten es in den entscheidenden Wochen nicht mehr.
Der langsame Abschied aus der Spitzengruppe
Die Saison 1985 blieb Alboretos einzige echte Chance auf die Weltmeisterschaft. Der Ferrari F1/86 erwies sich im folgenden Jahr als schwer, durstig und unzuverlässig. Alboreto erreichte keinen Sieg und wurde in der WM nur Neunter. 1987 gewann sein neuer Teamkollege Gerhard Berger die letzten beiden Saisonrennen, während Alboreto trotz einzelner Podestplätze erneut ohne Erfolg blieb. 1988 war McLaren nahezu unschlagbar. Beim emotionalen Ferrari-Doppelsieg in Monza wenige Wochen nach Enzo Ferraris Tod wurde Alboreto Zweiter hinter Berger.
Es war sein letzter Podestplatz in der Formel 1. Nach fünf Jahren endete seine Zeit bei Ferrari. Alboreto kehrte 1989 zu Tyrrell zurück und zeigte im neuen 018 noch einmal überzeugende Leistungen. Ein Konflikt zwischen seinem persönlichen Sponsor und dem neuen Hauptpartner des Teams beendete die Zusammenarbeit jedoch während der Saison. Anschließend fuhr er für Larrousse, Footwork, Scuderia Italia und Minardi. Aus einem früheren WM-Führenden war ein erfahrener Fahrer kleiner und mittlerer Teams geworden.
Alboreto verlor nicht plötzlich seine Fähigkeiten. Doch in einer Formel 1, in der konkurrenzfähige Cockpits selten waren und langfristige Verträge zunehmend über Karrieren entschieden, öffnete sich für ihn keine Tür zurück an die Spitze. Seine letzte Saison bestritt er 1994 für Minardi. Beim Großen Preis von San Marino löste sich nach einem Boxenstopp ein Rad von seinem Auto und verletzte mehrere Mechaniker. Am Ende des Jahres zog sich Alboreto nach 194 Grand-Prix-Starts, fünf Siegen, zwei Polepositions und 23 Podestplätzen aus der Formel 1 zurück.
Ein zweites Leben im Langstreckensport
Alboreto beendete mit seinem Abschied aus der Formel 1 nicht seine Karriere. Er fuhr Tourenwagen, startete in der Indy Racing League und wandte sich erneut dem Langstreckensport zu. Dort fand er eine Umgebung, die zu seinen Stärken passte. Erfahrung, technisches Verständnis, gleichmäßiges Tempo und ein schonender Umgang mit dem Material waren über mehrere Stunden mindestens ebenso wichtig wie die schnellste einzelne Runde. Alboreto musste nicht mehr beweisen, dass er ein ehemaliger Ferrari-Fahrer war.
1997 gewann er gemeinsam mit seinem früheren Ferrari-Teamkollegen Stefan Johansson und dem Le-Mans-Debütanten Tom Kristensen die 24 Stunden von Le Mans. Das Trio setzte sich im von Joest eingesetzten Porsche WSC-95 durch. Für Kristensen war es der erste von später neun Gesamtsiegen, für Alboreto der größte Erfolg seit seinem Nürburgring-Triumph zwölf Jahre zuvor. Der Sieg zeigte, dass seine Karriere nach den schwierigen letzten Formel-1-Jahren keineswegs ausgelaufen war.
Alboreto hatte außerhalb der Formel 1 eine zweite sportliche Heimat gefunden und sich dort erneut gegen die internationale Spitze behauptet. Ab 1999 arbeitete er als Werksfahrer für Audi und war an der Entwicklung des R8-Programms beteiligt. Im Jahr 2000 wurde er gemeinsam mit Christian Abt und Rinaldo Capello Dritter in Le Mans. Im März 2001 gewann er mit Capello und Laurent Aiello die 12 Stunden von Sebring. Alboreto war inzwischen 44 Jahre alt, aber weiterhin konkurrenzfähig und für Audi auch als Entwickler wertvoll.
Am 25. April 2001 verunglückte Michele Alboreto bei Testfahrten mit dem Audi R8 am Lausitzring tödlich. Nach den späteren Untersuchungen war ein spitzer Gegenstand in den linken Hinterreifen eingedrungen und hatte einen langsamen Druckverlust verursacht. Ein technischer Defekt am Fahrzeug wurde ausgeschlossen. Alboreto starb nur wenige Wochen nach seinem Sieg in Sebring und während der Vorbereitung auf einen weiteren Start in Le Mans. Seine zweite große Karriere endete ebenso plötzlich wie endgültig.
Mehr als ein verlorener Weltmeister
Michele Alboreto wird häufig auf die Rolle des verhinderten italienischen Ferrari-Weltmeisters reduziert. Das ist verständlich, aber zu eng. Seine Laufbahn umfasste zwei Grand-Prix-Siege mit Tyrrell, den ersten Ferrari-Erfolg eines Italieners seit fast 18 Jahren, einen ernsthaften WM-Kampf gegen Alain Prost und später den Gesamtsieg in Le Mans. Er gewann auf Straßenkursen, permanenten Rennstrecken und über 24 Stunden. Seine Karriere bewies nicht nur Schnelligkeit, sondern auch eine außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit.
Dennoch bleibt die Saison 1985 der entscheidende Bezugspunkt. Sie war keine kurze Phase, in der Alboreto zufällig von der Schwäche anderer profitierte. Über mehr als zwei Drittel des Jahres führte oder prägte er die Weltmeisterschaft. Er hielt dem Vergleich mit Prost stand, gewann zwei Rennen und sammelte acht Podestplätze. Erst als Ferrari technisch den Faden verlor, brach seine Kampagne zusammen. Das macht ihn nicht zum heimlichen oder moralischen Weltmeister. Es zeigt jedoch, dass der Titelgewinn für ihn realistisch erreichbar war.
Der Nürburgring-Sieg vom 4. August 1985 steht deshalb für weit mehr als Alboretos letzten Grand-Prix-Erfolg. Er markiert den Augenblick, in dem sein großer Traum am greifbarsten war. An diesem Tag bezwang er Prost, baute seine WM-Führung aus und ließ Ferrari von einem italienischen Weltmeister träumen. Wenige Monate später war die Chance verloren. Was blieb, war das Bild eines ruhigen Mannes im roten Auto, der nahe genug an die Krone kam, um eine ganze Nation hoffen zu lassen.
Alboretos Nürburgring-Erfolg blieb für Jahrzehnte der letzte Grand-Prix-Sieg eines italienischen Ferrari-Fahrers. Vor allem aber war er der Höhepunkt einer Saison, die nicht durch einen einzelnen Fahrfehler oder einen dramatischen Zusammenstoß verloren ging. Ferraris Titelchance zerfiel Stück für Stück – durch technische Probleme, unruhige Entwicklungsentscheidungen und fünf punktlose Rennen am Ende eines Jahres, das beinahe Michele Alboretos Jahr geworden wäre.
GPG Fahrerstatistik
Michele Alboreto
Ferraris italienischer Titeljäger, fünfmaliger Grand-Prix-Sieger und Le-Mans-Gesamtsieger von 1997.
Formel-1-Karriere
Ferrari und der WM-Kampf 1985
Fünf Jahre in Maranello
Saison 1985
Nach dem Nürburgring-Sieg führte Alboreto die Weltmeisterschaft mit fünf Punkten Vorsprung an.
Seine fünf Grand-Prix-Siege
| Nr. | Jahr | Grand Prix | Team | Fahrzeug | Start |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 1982 | Caesars Palace | Tyrrell | Tyrrell 011 | 3. |
| 2 | 1983 | Detroit | Tyrrell | Tyrrell 011 | 6. |
| 3 | 1984 | Belgien | Ferrari | Ferrari 126 C4 | 1. |
| 4 | 1985 | Kanada | Ferrari | Ferrari 156/85 | 3. |
| 5 | 1985 | Deutschland | Ferrari | Ferrari 156/85 | 8. |
Erfolg nach der Formel 1
Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans
Michele Alboreto gewann gemeinsam mit Stefan Johansson und Tom Kristensen im von Joest eingesetzten Porsche WSC-95.
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