Zeitraum: 3. bis 9. September 2001
Eine Woche nach dem chaotischen Großen Preis von Belgien rückte das Renngeschehen zunächst in den Hintergrund. Luciano Burti lag weiterhin in einem Krankenhaus in Lüttich, während Ärzte, Fahrer und Funktionäre darüber diskutierten, welche Sicherheitsmaßnahmen seinen schweren Unfall in Blanchimont überlebbar gemacht hatten und wo die Formel 1 trotzdem weiter nachbessern musste.
Gleichzeitig begann hinter den Kulissen eine Personalgeschichte, die die Zukunft der Formel 1 wesentlich stärker verändern sollte. Peter Sauber bestätigte erstmals öffentlich, dass McLaren an Kimi Räikkönen interessiert war. Der Finne absolvierte zu diesem Zeitpunkt gerade seine erste Formel-1-Saison. Wenige Tage später wurde bereits über ein konkretes Angebot aus Woking berichtet. Noch war nichts entschieden – doch plötzlich stand die Zukunft eines der größten Talente des Jahres offen.
Burti erholt sich nach seinem schweren Unfall
Am Montag nach dem Belgien-Grand-Prix blieb Luciano Burti zunächst im Krankenhaus. Der Prost-Pilot hatte beim Einschlag in den Reifenstapel schwere Prellungen und Verletzungen am Kopf erlitten, jedoch keine Knochenbrüche. Weitere Untersuchungen sollten ausschließen, dass sich die Blutung im Kopf vergrößerte. Die Ärzte hielten ihn deshalb weiterhin unter Beobachtung.
Burti selbst konnte sich an den eigentlichen Einschlag nicht erinnern. Er wusste noch, dass er Eddie Irvine in Blanchimont angegriffen hatte, danach fehlten ihm die Erinnerungen. Gleichzeitig machte er bereits deutlich, dass er möglichst schnell wieder in den normalen Rennfahreralltag zurückkehren wollte. Die Ärzte mahnten jedoch zur Geduld. Gerade nach einer schweren Gehirnerschütterung galt ein weiterer Schlag auf den Kopf als erhebliches Risiko.
Im Laufe der Woche verbesserten sich Burtis Werte. Die Blutung breitete sich nicht weiter aus, und sein körperlicher Zustand entwickelte sich schneller als zunächst befürchtet. Trotzdem wuchs die Wahrscheinlichkeit, dass er den unmittelbar bevorstehenden Großen Preis von Italien nicht bestreiten würde. Am Samstag bestätigte Prost schließlich, dass Burti in Monza definitiv fehlen werde.
Noch war allerdings offen, ob damit seine gesamte Saison beendet war. Prost widersprach entsprechenden Berichten ausdrücklich und wollte zunächst lediglich für Monza einen Ersatzfahrer verpflichten. Am Sonntag, dem 9. September, ging Burtis behandelnder Arzt davon aus, dass der Brasilianer das Krankenhaus in den folgenden Tagen verlassen könne. Über einen Zeitpunkt für die Rückkehr ins Cockpit sollte erst später entschieden werden.
Der Unfall löst eine neue Sicherheitsdebatte aus
Burtis Überleben wurde innerhalb der Formel 1 schnell als Beleg für die Fortschritte der vergangenen Jahre gewertet. FIA-Präsident Max Mosley verwies insbesondere auf die verstärkten Monocoques. Seit Michael Schumachers Unfall in Silverstone 1999 waren die Anforderungen an die seitliche Struktur weiter verschärft und zusätzliche Kevlar-Schichten vorgeschrieben worden.
Mosley erklärte, dass beim Unfall von 1999 Teile der Aufhängung in Schumachers Monocoque eingedrungen waren und zu dessen Beinbruch beigetragen hatten. Bei Burtis Prost habe die verstärkte Struktur genau dieses Szenario verhindert. Gleichzeitig wollte die FIA untersuchen, welche Rolle der tief nachgebende Reifenstapel gespielt hatte. Dass der Wagen nahezu vollständig darin verschwand, erschwerte zwar die Bergung, könnte aber zugleich einen großen Teil der Aufprallenergie aufgenommen haben.
Michael Schumacher forderte ebenfalls eine genaue Auswertung des Unfalls. Vollständige Sicherheit könne es in der Formel 1 nicht geben, entscheidend sei aber, aus jedem schweren Zwischenfall neue Erkenntnisse zu gewinnen. Den Rekordsieg von Spa hatte Schumacher nach eigener Aussage deshalb nur zurückhaltend gefeiert. Burti lag wenige Kilometer entfernt im Krankenhaus.
Die Sicherheitsdiskussion ging sogar über die Folgen des Spa-Unfalls hinaus. Am 7. September bestätigte die FIA Überlegungen, beim bevorstehenden US-Grand-Prix in Indianapolis erstmals echte Bremslichter an Formel-1-Autos zu testen. Diese sollten nicht nur wie die bisherigen roten Rückleuchten bei schlechter Sicht oder im Boxenlimiter leuchten, sondern anzeigen, wenn ein Fahrer bremste oder vom Gas ging.
McLaren macht Kimi Räikkönen zum Thema
Neben der Sicherheitsdebatte entwickelte sich bereits am Montag eine der wichtigsten Personalgeschichten des Spätsommers. Peter Sauber bestätigte, dass McLaren Kontakt wegen Kimi Räikkönen aufgenommen hatte. Der 21-Jährige hatte erst wenige Monate zuvor sein Formel-1-Debüt gegeben und trotzdem bereits mehrere etablierte Teams auf sich aufmerksam gemacht.
Sauber erklärte, dass in den kommenden Wochen Verhandlungen stattfinden würden. Er wolle Räikkönen grundsätzlich behalten, machte aber gleichzeitig klar, dass ein attraktives Angebot die Situation verändern könne. Besonders bemerkenswert war seine Aussage, dass gleich zwei Spitzenteams Interesse am Finnen hätten. Einen Namen nannte er neben McLaren nicht.
Zwei Tage später wurde die Geschichte konkreter. Autosport berichtete, McLaren habe ein Angebot abgegeben, Räikkönen langfristig an das Team zu binden. Diskutiert wurde zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ein Modell, bei dem der Finne zunächst als Testfahrer für 2002 verpflichtet und später ins Renncockpit gebracht werden könnte. Räikkönen selbst galt allerdings als wenig begeistert von einem Jahr ohne Grand-Prix-Einsätze.
Für McLaren hing die Frage eng mit der noch ungeklärten Zukunft Mika Häkkinens zusammen. David Coulthard war für 2002 gesetzt, beim zweimaligen Weltmeister gab es dagegen weiterhin Spekulationen. In KW 36 war jedoch weder Häkkinens Entscheidung bekannt noch Räikkönens Wechsel bestätigt. Aus heutiger Sicht wirkt die Entwicklung unausweichlich – damals war sie es noch keineswegs.
Räikkönen beendet den Test mit einem Unfall
Während über seine Zukunft verhandelt wurde, arbeitete Räikkönen weiter für Sauber. Das Team testete gemeinsam mit Williams, Benetton und Prost in Magny-Cours. Nick Heidfeld hatte zunächst an den Getriebeproblemen gearbeitet, die Sauber in Spa beschäftigt hatten. Räikkönen übernahm am Freitag das Auto.
Sein Einsatz dauerte allerdings nicht lange. Bereits auf seiner zweiten schnellen Runde kam Räikkönen auf feuchter Strecke in der L’Ecole-Kurve von der Fahrbahn ab. Der Sauber schlug bei etwa 170 km/h ein und wurde stark beschädigt. Räikkönen blieb unverletzt, wurde aber vorsorglich zur Untersuchung in ein Krankenhaus nach Nevers gebracht und anschließend entlassen. Für den Italien-Grand-Prix bestand keine gesundheitliche Einschränkung.
Der Zwischenfall änderte nichts daran, wie hoch sein Marktwert mittlerweile war. Weniger als ein Jahr zuvor war seine Superlizenz noch kontrovers diskutiert worden, weil er vor seinem Formel-1-Einstieg lediglich 23 Autorennen in Einsitzern bestritten hatte. Nun verhandelten Spitzenteams bereits über seine Zukunft. Diese Entwicklung gehörte zu den bemerkenswertesten Geschichten der Saison 2001.
Williams arbeitet den Fehler von Spa auf
Auch Williams kehrte nach dem enttäuschenden Spa-Wochenende schnell zur Arbeit zurück. Frank Williams räumte am Mittwoch ein, dass beim Neustart in Belgien ein Fehler gemacht worden war. Ralf Schumachers Auto hatte noch auf den Wagenhebern gestanden, als die übrigen Fahrer bereits zur Einführungsrunde aufbrachen. Aus der zweiten Position wurde dadurch ein Start vom Ende des Feldes.
Der Teamchef stellte sich zugleich ausdrücklich vor Rennteam-Manager Dickie Stanford, der nach dem Zwischenfall stark kritisiert worden war. Williams bezeichnete die Entscheidung als schwierig und letztlich falsch, wollte aber keine einzelne Person verantwortlich machen. In der allgemeinen Verwirrung nach Burtis Unfall hatte das Team noch Veränderungen am Heck des FW23 vorgenommen und dabei die verbleibende Zeit unterschätzt.
In Magny-Cours verlagerte sich der Blick bereits wieder auf Monza. Juan Pablo Montoya war am ersten Testtag Schnellster und führte auch am Freitag die Zeitenliste an. Williams arbeitete unter anderem an Motorsteuerung, Chassis, Auspuffanlage und Michelin-Reifen. Die Hochgeschwindigkeitscharakteristik von Monza versprach erneut gut zum starken BMW-V10 zu passen.
Takuma Satō drängt Richtung Formel 1
Parallel wurde in Mugello getestet. Ferrari, BAR, Jordan und Minardi arbeiteten dort mehrere Tage. Rubens Barrichello führte am Mittwoch die Zeitenliste an, doch nur 0,034 Sekunden hinter ihm folgte Takuma Satō im BAR-Honda. Der Japaner war dabei sogar mehr als eine halbe Sekunde schneller als Stammfahrer Olivier Panis.
Satō hatte wenige Wochen zuvor die britische Formel-3-Meisterschaft für sich entschieden und erhielt zunehmend Formel-1-Testkilometer. Am selben Tag erklärte er, dass seine Chancen auf ein Stammcockpit für 2002 gut aussähen. Bestätigt war noch nichts. BAR hatte seine Fahrer bereits festgelegt, während bei Jordan neben dem für 2002 verpflichteten Giancarlo Fisichella noch ein Platz offen war.
Gerade deshalb wurde Satōs starke Testleistung aufmerksam verfolgt. Jean Alesi wollte seinen Platz bei Jordan behalten und testete ebenfalls in Mugello. Satō wiederum war eng an Honda angebunden, das sowohl BAR als auch Jordan mit Motoren belieferte. In KW 36 war daraus noch keine konkrete Fahrerentscheidung geworden – der Druck auf das verbleibende Jordan-Cockpit stieg aber sichtbar.
Yoong bereitet sich auf sein Debüt vor
Auch Alex Yoong war in Mugello im Einsatz. Nachdem er in der Vorwoche seine Superlizenz erhalten hatte, bereitete Minardi den Malaysier nun gezielt auf seinen ersten Grand Prix vor. Am Mittwoch fuhr Yoong gemeinsam mit Testfahrer Andrea Piccini und absolvierte weitere Kilometer im PS01.
Teamchef Paul Stoddart verteidigte seinen neuen Fahrer gegen Zweifel, ob dessen Erfahrung für ein Formel-1-Debüt ausreiche. Yoong sei zwar ein Formel-1-Neuling, aber kein unerfahrener Rennfahrer. Außerdem habe er bereits auf dem Monza-Kurs getestet und kenne damit die besonderen Geschwindigkeiten der Strecke. Stoddart sah keinen Grund, ihn als Sicherheitsrisiko zu betrachten.
Damit war der Fahrerwechsel bei Minardi nun endgültig vorbereitet. Tarso Marques hatte in Spa seinen letzten Einsatz als Stammfahrer absolviert. Yoong sollte in Monza erstmals starten und damit als erster Malaysier an einem Formel-1-Grand-Prix teilnehmen. Anders als in KW 34 war dies nun keine offene Möglichkeit mehr, sondern der feststehende Plan für die kommende Rennwoche.
Toyota bringt eine neue Motorenausbaustufe
Während die etablierten Teams für Monza testeten, arbeitete Toyota weiter an seinem langfristigen Projekt. Auf dem Hungaroring absolvierte das künftige Formel-1-Team einen dreitägigen Test mit einer neuen Ausbaustufe des Motors. Mika Salo legte 230 Runden zurück, Allan McNish weitere 181.
Salo fuhr eine Bestzeit von 1:20,64 Minuten, McNish lag nur zwei Hundertstelsekunden dahinter. Wichtiger als die Zeiten war jedoch erneut das Entwicklungsprogramm. Toyota arbeitete an automatischen Schaltvorgängen, Launch Control, Traktionskontrolle, Motorsteuerung und der Integration der verschiedenen elektronischen Systeme. Erstmals wurden mehrere dieser Funktionen gezielt gemeinsam erprobt.
Damit zeigte sich erneut, wie grundsätzlich Toyotas Vorbereitung angelegt war. Der TF101 musste nicht mehr nur einzelne Komponenten testen, sondern zunehmend als vollständiges Formel-1-System funktionieren. Bis zum ersten Rennen 2002 blieben noch Monate, doch das Entwicklungsprogramm näherte sich Schritt für Schritt dem späteren Einsatzfahrzeug an.
Prost muss für Monza einen Ersatz finden
Burtis Ausfall brachte Prost unmittelbar vor dem Italien-Grand-Prix in eine schwierige Situation. Ausgerechnet in derselben Woche hatte das Team den tschechischen Formel-3000-Fahrer Tomáš Enge als Testfahrer für den Rest der Saison verpflichtet. Der entsprechende Test in Magny-Cours war nach Teamangaben bereits vor Burtis Unfall vereinbart worden.
Enge absolvierte am Mittwoch 63 Runden im AP04 und lag weniger als eine Sekunde hinter Montoyas Bestzeit. An den folgenden Testtagen sammelte er weitere Erfahrung, bevor Heinz-Harald Frentzen am Freitag das Auto übernahm. Damit hatte Prost zumindest einen Fahrer im eigenen Umfeld, der kurzfristig für einen Grand-Prix-Einsatz infrage kommen konnte.
Bis zum Ende von KW 36 war diese Entscheidung jedoch noch nicht gefallen. Prost bestätigte lediglich Burtis Ausfall für Monza und erklärte, mehrere Möglichkeiten zu prüfen. Enge galt als einer der Favoriten. Wer tatsächlich neben Frentzen beim Italien-Grand-Prix antreten würde, blieb am Sonntagabend noch offen.
KW 36 zwischen Spa und Monza
Die 36. Kalenderwoche brachte kein Rennen, war aber wesentlich mehr als eine gewöhnliche Pause. Der schwere Unfall aus Spa bestimmte weiterhin die Diskussionen. Burtis Genesung verlief positiv, gleichzeitig untersuchten FIA und Teams, welche Sicherheitsmaßnahmen funktioniert hatten und welche Konsequenzen aus dem Unfall gezogen werden mussten. Selbst der Versuch mit Bremslichtern in Indianapolis passte in eine Woche, in der Sicherheit stärker als gewöhnlich im Mittelpunkt stand.
Sportlich verlagerte sich der Blick bereits auf 2002. McLarens Interesse an Räikkönen wurde erstmals offen bestätigt, Satō drängte mit starken Tests Richtung Formel 1 und Toyota arbeitete weiter an seinem neuen Antrieb. Yoong bereitete sich dagegen auf eine wesentlich unmittelbarere Aufgabe vor: sein Grand-Prix-Debüt in Monza.
Am Ende der Woche war klar, dass Monza einige neue Gesichter sehen würde. Yoongs Teilnahme stand fest, Burti würde fehlen und Prost benötigte noch Ersatz. Gleichzeitig lag eine Entscheidung über Räikkönens Zukunft in der Luft. KW 36 bereitete damit zahlreiche Entwicklungen vor, die nur wenige Tage später plötzlich eine völlig andere Bedeutung bekommen sollten.
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