Sébastien Loeb gehört zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Rennfahrern seiner Generation. Zwischen 2004 und 2012 gewann der Franzose neun Rallye-Weltmeisterschaften in Folge, dazu zahlreiche einzelne WM-Läufe auf Asphalt, Schotter, Schnee und Eis. Seit Sébastien Ogier ebenfalls seinen neunten Titel errang, teilen sich die beiden Franzosen den Rekord für die meisten Fahrer-Weltmeisterschaften in der Geschichte der Rallye-WM. Loebs neun aufeinanderfolgende Titel bleiben jedoch eine bis heute unerreichte Serie.
Sein Name ist deshalb untrennbar mit Citroën und der Rallye-Weltmeisterschaft verbunden. Doch Loeb beschränkte sich nie auf eine einzige Motorsportdisziplin. Er startete mit Prototypen bei den 24 Stunden von Le Mans, gewann Rennen in GT- und Tourenwagenserien, stellte am Pikes Peak einen spektakulären Streckenrekord auf und trat sogar in der DTM an. Am faszinierendsten blieb jedoch die Frage, ob der Rallye-Champion auch in der Formel 1 hätte bestehen können.
Der erste Formel-1-Versuch mit Renault
Seine erste Begegnung mit einem Formel-1-Rennwagen hatte Loeb am 5. Dezember 2007 auf dem Circuit Paul Ricard. Bei einer von Total und Elf organisierten Veranstaltung tauschten mehrere Fahrer aus den Programmen von Renault und Citroën ihre Fahrzeuge. Während Renault-Pilot Heikki Kovalainen einen Citroën C4 WRC ausprobierte, durfte Loeb den Renault R26 aus der Formel-1-Saison 2006 fahren. Auch sein damaliger Citroën-Teamkollege Dani Sordo erhielt einige Runden im Weltmeisterauto von Fernando Alonso.
Der Einsatz war in erster Linie eine Werbeveranstaltung und kein regulärer Entwicklungstest. Dennoch lieferte Loeb bemerkenswerte Rundenzeiten ab. Auf der verwendeten, rund 3,8 Kilometer langen Streckenvariante blieb er nach zeitgenössischen Angaben knapp eine Sekunde hinter Kovalainens Vergleichszeit. Wegen unterschiedlicher Fahrprogramme und Bedingungen besitzt dieser Abstand allerdings nur begrenzte Aussagekraft. Entscheidend war vielmehr, wie schnell sich Loeb an die hohe Kurvengeschwindigkeit, die Karbonbremsen und den aerodynamischen Abtrieb eines Formel-1-Autos gewöhnte.
Vom Werbetermin zum ernsthaften Red-Bull-Test
Ein Jahr später wurde aus dem Formel-1-Ausflug ein deutlich ernsthafteres Projekt. Red Bull unterstützte damals das Citroën-Werksteam in der Rallye-Weltmeisterschaft und ermöglichte Loeb zunächst einen kurzen Einsatz mit dem Red Bull RB4 in Silverstone. Anschließend nahm er am 17. November 2008 an den offiziellen Formel-1-Testfahrten auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya teil. Für einen Fahrer ohne klassische Monoposto-Ausbildung war das eine außergewöhnliche Gelegenheit.
Loeb absolvierte an diesem Tag 82 Runden und erzielte eine Bestzeit von 1:22,503 Minuten. Damit belegte er den achten Platz unter 17 Fahrern. Weil die Teams während solcher Testtage mit unterschiedlichen Benzinmengen, Reifen, Abstimmungen und Entwicklungsprogrammen arbeiteten, durfte die Rangliste nicht wie ein Qualifying gewertet werden. Dennoch hinterließ Loeb einen starken Eindruck: Er blieb fehlerfrei, arbeitete sich kontrolliert an die Grenzen des Autos heran und konnte ein umfangreiches Programm absolvieren.
Auch Loeb selbst erkannte, dass die Belastungen in einem Formel-1-Auto andere waren als im Rallyesport. Vor allem die hohen Fliehkräfte in schnellen Kurven und die körperlich anspruchsvolle Bremsarbeit forderten ihn. Gleichzeitig faszinierte ihn der enorme aerodynamische Grip. Der Test zeigte, dass seine präzise Fahrzeugbeherrschung nicht allein auf Rallyefahrzeuge zugeschnitten war. Er konnte auch ein empfindliches Formel-1-Auto mit hoher Geschwindigkeit bewegen, ohne dabei durch Dreher oder Unfälle aufzufallen.
Ein möglicher Start für Toro Rosso
Im Verlauf der Saison 2009 nahm die Idee eines Formel-1-Rennstarts konkretere Formen an. Häufig wird Loebs Name in diesem Zusammenhang mit Sébastien Bourdais verbunden, der sein Cockpit bei Toro Rosso nach dem Großen Preis von Deutschland verlor. Bourdais wurde jedoch bereits ab dem Rennen in Ungarn durch Jaime Alguersuari ersetzt. Bei den späteren Überlegungen zu Loeb ging es daher weniger um einen direkten Austausch mit Bourdais als um einen einmaligen Einsatz beim Saisonfinale in Abu Dhabi.
Der Zeitpunkt schien günstig. Die Rallye-Weltmeisterschaft endete 2009 eine Woche vor dem Formel-1-Finale, sodass sich die Termine nicht überschnitten. Zur Vorbereitung nahm Loeb Anfang Oktober an einem offiziellen GP2-Test in Jerez teil. Dort fuhr er einen Monoposto des Teams David Price Racing. Der Test sollte ihm zusätzliche Erfahrung mit einem leistungsstarken Formelwagen verschaffen und unterstrich, dass die Pläne über ein loses Gedankenspiel hinausgegangen waren.
Das Projekt scheiterte schließlich an der fehlenden FIA-Superlizenz. Loeb hatte die Lizenz beantragt, erhielt jedoch keine Freigabe für den Grand Prix von Abu Dhabi. Anders als beim später eingeführten Punktesystem für Nachwuchsserien verfügte die FIA damals über einen größeren Ermessensspielraum. Loebs beeindruckende Rallye-Erfolge reichten nicht aus, um seine vergleichsweise geringe Erfahrung in Monoposto- und Rundstreckenrennen vollständig auszugleichen. Ohne Superlizenz durfte Toro Rosso ihn nicht einsetzen.
War Loeb wirklich kurz vor einer Formel-1-Karriere?
Von einer unmittelbar bevorstehenden vollständigen Formel-1-Karriere zu sprechen, wäre dennoch übertrieben. Realistisch war vor allem ein einzelner Gaststart in Abu Dhabi. Ob daraus weitere Einsätze oder sogar eine komplette Saison entstanden wären, lässt sich nicht belegen. Loeb war zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt, weiterhin eng an Citroën gebunden und mitten im Kampf um weitere Rallye-Weltmeisterschaften. Für eine langfristige Formel-1-Laufbahn hätte er sein erfolgreiches Hauptprogramm zumindest deutlich reduzieren müssen.
Seine Testleistungen zeigten allerdings, dass die Überlegungen nicht allein auf einer Marketingidee beruhten. Loeb verfügte über außergewöhnliche Fahrzeugkontrolle, technisches Verständnis und die Fähigkeit, sich schnell auf unbekannte Bedingungen einzustellen. Ob er im direkten Wettbewerb mit Formel-1-Spezialisten bestanden hätte, bleibt offen. Gerade diese unbeantwortete Frage macht seinen beinahe geglückten Ausflug in die Königsklasse bis heute so reizvoll.
Lehrjahre bei den 24 Stunden von Le Mans
Lange vor seinen Formel-1-Tests hatte sich Loeb bereits einer anderen großen Rundstreckenprüfung gestellt. 2005 trat er erstmals bei den 24 Stunden von Le Mans an. Gemeinsam mit Éric Hélary und Soheil Ayari steuerte er den Pescarolo C60 Hybrid-Judd mit der Startnummer 17. Schon die Vorbereitung war ungewöhnlich: Nach seinem Sieg bei der Rallye Türkei musste Loeb per Hubschrauber nach Le Mans gebracht werden, um während des Testtages noch die vorgeschriebenen Runden für Neulinge zu absolvieren.
Im Rennen erreichte das Trio das Ziel nicht. Der Pescarolo mit Loeb, Hélary und Ayari schied aus, während das Schwesterfahrzeug von Emmanuel Collard, Jean-Christophe Boullion und Erik Comas den zweiten Gesamtrang belegte. Der häufig zu lesende Hinweis, Loeb habe bereits bei seinem Debüt Platz zwei erreicht, ist daher falsch. Seine erste Le-Mans-Teilnahme endete ohne Zielankunft.
Ein Jahr später kehrte Loeb besser vorbereitet an die Sarthe zurück. Er teilte sich den Pescarolo C60 mit Éric Hélary und Franck Montagny. Das französische Trio absolvierte 376 Runden und belegte hinter dem siegreichen Audi R10 TDI von Frank Biela, Emanuele Pirro und Marco Werner den zweiten Gesamtrang. Loeb hatte damit bei seinem zweiten Start eines der bedeutendsten Ergebnisse seiner Rundstreckenkarriere erzielt.
Dieser Erfolg war mehr als eine spektakuläre Randnotiz in seiner Rallyekarriere. Langstreckenrennen verlangen Geduld, kontrollierte Geschwindigkeit, Rücksicht auf langsamere Fahrzeugklassen und eine enge Zusammenarbeit mit Ingenieuren und Teamkollegen. Loeb bewies, dass er seine aggressive Grundschnelligkeit in ein über viele Stunden tragfähiges Tempo übersetzen konnte. Gleichzeitig zeigte er, dass ihm auch die aerodynamisch sensiblen Prototypen lagen.
Das eigene Team und die FIA GT Series
Im Jahr 2011 gründete Loeb gemeinsam mit Dominique Heintz das Team Sébastien Loeb Racing. Die Mannschaft trat später in verschiedenen GT-, Tourenwagen- und Langstreckenserien an. Loeb selbst bestritt 2013 gemeinsam mit Álvaro Parente die FIA GT Series. Das Duo fuhr einen McLaren MP4-12C GT3 und gewann im Saisonverlauf vier Rennen.
Zum Vizemeistertitel reichten diese Erfolge jedoch nicht. Loeb und Parente beendeten die Fahrerwertung punktgleich auf dem sechsten Platz. Sébastien Loeb Racing wurde dagegen Zweiter in der Teamwertung des Pro Cup. Die gelegentlich verbreitete Aussage, Loeb habe 2013 die Fahrer-Vizemeisterschaft gewonnen, verwechselt somit Fahrer- und Teamwertung.
Erfolgreich gegen die Tourenwagen-Spezialisten
Seine umfangreichste Rundstreckensaison absolvierte Loeb zwischen 2014 und 2015 in der Tourenwagen-Weltmeisterschaft. Citroën stieg mit dem C-Elysée WTCC werksseitig in die Meisterschaft ein und verpflichtete neben Yvan Muller und José María López auch seinen langjährigen Rallye-Star. Trotz seiner begrenzten Erfahrung im direkten Zweikampf mit Tourenwagen gewöhnte sich Loeb schnell an das dichte Feld, die stehenden Starts und die permanenten Positionskämpfe.
Bereits bei seinem ersten Rennwochenende in Marrakesch gewann er den zweiten Lauf. Am Ende der Saison 2014 belegte er mit zwei Siegen den dritten Platz in der Weltmeisterschaft hinter José María López und Yvan Muller. Das war ein beachtliches Ergebnis, allerdings profitierte Loeb ebenso wie seine Teamkollegen vom deutlich überlegenen Citroën C-Elysée. Seine Leistung bestand vor allem darin, den Vorteil des Autos auch gegen erfahrene Tourenwagenfahrer regelmäßig umzusetzen.
2015 gewann Loeb vier weitere Rennen und wurde erneut WM-Dritter. Im Kampf um den zweiten Tabellenplatz unterlag er seinem Teamkollegen Yvan Muller beim Finale in Katar um lediglich einen Punkt. Damit beendete er seine beiden vollständigen WTCC-Saisons jeweils unter den besten drei der Gesamtwertung und sammelte insgesamt sechs Rennsiege. Ende 2015 beendete Citroën die Zusammenarbeit mit ihm in der Tourenwagen-Weltmeisterschaft.
Der Rekordlauf am Pikes Peak
Einer der spektakulärsten Auftritte seiner gesamten Karriere fand nicht auf einer klassischen Rundstrecke, sondern beim Pikes Peak International Hill Climb statt. Für die Ausgabe 2013 entwickelte Peugeot den kompromisslosen 208 T16 Pikes Peak. Der rund 875 Kilogramm schwere Prototyp verfügte über etwa 875 PS, Allradantrieb und eine extreme Aerodynamik. Mit einem normalen Peugeot 208 hatte das Fahrzeug technisch kaum mehr als die äußere Silhouette gemeinsam.
Loeb bewältigte die rund 20 Kilometer lange Strecke mit ihren 156 Kurven in 8:13,878 Minuten. Damit unterbot er den bisherigen Rekord um mehr als anderthalb Minuten. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei rund 145 km/h. Erst 2018 wurde die Bestmarke durch Romain Dumas im elektrischen Volkswagen ID.R auf 7:57,148 Minuten verbessert. Loebs Fahrt blieb dennoch einer der eindrucksvollsten Rekordläufe in der Geschichte des Bergrennens.
Ein später Ausflug in die DTM
Selbst Jahre nach dem Ende seiner WTCC-Zeit kehrte Loeb noch einmal auf eine klassische Rundstrecke zurück. Beim DTM-Saisonauftakt 2022 in Portimão ersetzte er Nick Cassidy im Ferrari 488 GT3 von Red Bull AlphaTauri AF Corse. Ohne umfangreiche Vorbereitung trat Loeb gegen ein hochkarätig besetztes Feld aus GT-Spezialisten an.
Im ersten Rennen erreichte er den 16. Platz, am Sonntag wurde er 18. Ein Spitzenergebnis blieb damit aus, doch angesichts seiner fehlenden Erfahrung mit dem Fahrzeug, den Reifen und dem DTM-Format war der Abstand zur etablierten Konkurrenz respektabel. Der Einsatz war kein Beginn eines neuen Programms, sondern ein weiterer Beleg für Loebs Bereitschaft, sich auch im fortgeschrittenen Rennfahreralter unbekannten Herausforderungen zu stellen.
Ein Meister der Anpassung
Sébastien Loeb wurde durch seine Erfolge im Rallyesport zur Legende. Seine Rundstreckeneinsätze zeigen jedoch, dass seine Fähigkeiten nicht auf das Fahren nach Ansage eines Beifahrers oder auf wechselnde Straßenbeläge begrenzt waren. Er konnte einen Formel-1-Rennwagen kontrolliert bewegen, in Le Mans um den Gesamtsieg kämpfen, GT-Rennen gewinnen und sich in einer Tourenwagen-Weltmeisterschaft gegen erfahrene Spezialisten behaupten.
Gerade deshalb bleibt sein verhinderter Formel-1-Start eine der großen Was-wäre-wenn-Geschichten des modernen Motorsports. Ein einzelnes Rennen hätte vermutlich keine endgültige Antwort auf die Frage nach seinem wahren Potenzial gegeben. Es hätte aber gezeigt, wie sich einer der besten Rallyefahrer der Geschichte unter realen Grand-Prix-Bedingungen geschlagen hätte.
Dass es dazu nie kam, schmälert Loebs außergewöhnliche Vielseitigkeit nicht. Im Gegenteil: Der verpasste Formel-1-Start ist lediglich eines der wenigen Kapitel, die in seiner Karriere ungeschrieben blieben. Seine Erfolge in Le Mans, der WTCC, im GT-Sport und am Pikes Peak beweisen auch ohne dieses Grand-Prix-Debüt, dass Sébastien Loeb weit mehr war als der dominierende Rallyefahrer seiner Zeit. Er war ein Rennfahrer, dessen Talent beinahe unabhängig davon funktionierte, welches Fahrzeug unter ihm stand.
