Die Geburtsstunde der modernen Sicherheitsbewegung im Motorsport. Als am Circuit de Spa-Francorchamps die Schleusen des Himmels aufgingen, kollidierte die Naivität einer Epoche mit der harten Realität des Überlebenskampfes eines jungen Schotten namens Jackie Stewart.
1. Prolog: Ein herrlicher Junitag in den Ardennen
Es ist der Morgen des 12. Juni 1966. Die Sonne bricht mühsam durch die dichten Wolkenfelder über Ostbelgien, taucht die endlosen Wälder und sanften Hügelketten der Ardennen in ein diffuses Licht. Im Fahrerlager des Circuit de Spa-Francorchamps herrscht jene geschäftige, von Benzindämpfen und dem Geruch von heißem Rizinusöl geschwängerte Atmosphäre, die typisch ist für diese Ära. Mechaniker hantieren mit massiven Schraubenschlüsseln, während die Piloten – gefeierte Gladiatoren einer zutiefst romantisierten, aber tödlichen Epoche – scheinbar gelassen ihre Zigaretten rauchen, Witze reißen und Autogramme auf Programmhefte kritzeln.
Nichts an diesem Sonntagmorgen deutet oberflächlich darauf hin, dass dieser Tag als einer der schwärzesten, aber gleichzeitig wichtigsten Wendepunkte in die Geschichte des internationalen Automobilrennsports eingehen wird. Spa-Francorchamps im Jahr 1966 ist kein permanenter Rundkurs, wie wir ihn heute kennen. Es ist eine mörderische, 14,12 Kilometer lange Hochgeschwindigkeits-Achterbahn, zusammengesetzt aus öffentlichen Landstraßen, die für ein einziges Wochenende im Jahr abgesperrt werden, um die schnellsten Maschinen der Welt zu beherbergen.
Die Strecke besitzt im Grunde nur eine einzige echte Haarnadelkurve, die eine massive Bremszone erfordert: La Source, die zu jener Zeit das Ende einer jeden Runde markiert, nicht den Beginn. Der Rest des Kurses besteht aus furchterregenden Mutkurven, endlos langen Geraden und sanft geschwungenen Kurvenkombinationen, die mit Geschwindigkeiten durchfahren werden, die jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögens der damaligen Zeit liegen. Wer hier antritt, weiß, dass er mit dem Leben spielt. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, akzeptiert von Fahrern, Teams, Medien und Fans. Der Tod fährt immer mit, er sitzt als unsichtbarer Beifahrer im engen Cockpit. Doch an diesem spezifischen Junitag soll die schiere Ignoranz des Systems gegenüber dem menschlichen Leben auf eine so fundamentale Weise demaskiert werden, dass kein Weg mehr zurückführt. Ein junger Schotte namens John Young „Jackie“ Stewart, gerade einmal 27 Jahre alt, steht im Begriff, unfreiwillig die Hauptrolle in einem Drama zu spielen, das die Formel 1 aus ihrer technologischen und organisatorischen Steinzeit in die Moderne zwingen wird.
2. Der historische Kontext: Die Geburtsstunde der Drei-Liter-Monster
Um die Tragweite der Ereignisse von Spa 1966 zu verstehen, muss man den technologischen Quantensprung analysieren, den die Formel 1 in genau dieser Saison vollzieht. Das Jahr 1966 markiert den Beginn der sogenannten „Drei-Liter-Ära“. Nach fünf Jahren, in denen das Hubraumlimit reglementarisch auf magere 1.500 Kubikzentimeter begrenzt war – Motoren, die von Kritikern oft spöttisch als „Rasenmäherantriebe“ bezeichnet wurden –, verdoppelt die oberste Sporthoheit (CSI, die Vorläuferorganisation der FIA) das maximale Hubvolumen für Saugmotoren schlagartig auf 3.000 Kubikzentimeter (3 Liter) bzw. 1.500 Kubikzentimeter für aufgeladene Aggregate.
Der Grund für diese drastische Änderung liegt auf der Hand: Die Königsklasse des Motorsports soll wieder ihrem Namen gerecht werden. Sie soll spektakulärer, schneller und brachialer werden. Die Leistung der Triebwerke springt fast über Nacht von gut 200 PS auf weit über 350, teilweise fast 400 PS. Doch während die Motorenbauer in den Werkstätten von Maranello, Bourne und Northampton fieberhaft an der Verdoppelung der Pferdestärken arbeiten, stagniert die Entwicklung in fast allen anderen Sicherheitsbereichen vollständig.
Die Fahrzeuge dieser Epoche sind im Wesentlichen rollende Aluminium-Tanks. Die Monocoques oder Gitterrohrrahmen sind so eng konstruiert, dass die Beine der Fahrer direkt von den seitlichen Treibstofftanks umschlossen werden. Sicherheitsgurte? Fehlanzeige. Man glaubt fest an die fatale Doktrin, es sei im Falle eines schweren Unfalls oder eines Brandes besser, aus dem Fahrzeug geschleudert zu werden, anstatt im brennenden Wrack gefangen zu bleiben. Die Helme bestehen aus dünnem Fiberglas, die Rennanzüge sind oft einfache, einlagige Baumwoll- oder Leinenkleider ohne jede nennenswerte feuerhemmende Wirkung. Nomex-Unterwäsche ist im Jahr 1966 ein Fremdwort.
Hinzu kommt, dass zu Beginn der Saison 1966 kaum ein Team über ein perfekt ausgereiftes Drei-Liter-Triebwerk verfügt. Es ist eine Übergangsphase des Improvisierens. Die Scuderia Ferrari hat das beste Paket: Ihr mächtiger V12-Motor, direkt abgeleitet aus den erfolgreichen Sportwagen-Projekten, leistet reichlich Performance und macht den roten Renner aus Maranello zum absoluten Favoriten auf den Highspeed-Pisten dieser Welt. Andere Teams müssen sich mit Kompromissen begnügen. Colin Chapmans Team Lotus startet die Saison mangels des noch in der Entwicklung befindlichen Cosworth-DFV-Motors mit unterlegenen, aufgebohrten Zwei-Liter-Climax-Aggregaten oder komplizierten BRM-H16-Konstruktionen, die sich als tonnenschwere Enttäuschungen erweisen.
Jackie Stewart selbst, der beim Saisonauftakt im glamourösen Fürstentum von Monaco im Mai einen sensationellen Sieg auf einem modifizierten Zwei-Liter-V8-BRM (Typ P261) errungen hat, reist mit einer Mischung aus Euphorie und tiefem Respekt nach Belgien. Er weiß, dass sein kleinerer Motor auf den endlosen Geraden der Ardennen gegen die schiere Kraft der echten Drei-Liter-Boliden wie dem Ferrari von John Surtees im Nachteil sein wird.
3. Die Mutprobe von Spa: Ein Rundkurs am Limit des Wahnsinns
Man kann den alten Circuit de Spa-Francorchamps nicht mit heutigen Maßstäben messen. Er war keine Rennstrecke, er war ein Zustand. Die Strecke verläuft von der Haarnadelkurve La Source hinab zur engen Brücke über den Fluss Eau Rouge, schießt dann die brutale Steigung hinauf, die heute als Raidillon weltbekannt ist, führt damals jedoch direkt auf eine lange, wellige Landstraße in Richtung der Ortschaft Les Combes.
Dort bricht der Kurs nach links aus und jagt die Fahrer hinunter in das Dorf Malmedy. Es folgt die berüchtigte Masta-Gerade, eine schier endlose Schneise, die mitten durch die belgische Agrarlandschaft geschnitten ist. Unterbrochen wird diese Gerade von der Masta-Knick, einer mörderischen Links-Rechts-Schikane, die inmitten von Wohnhäusern, Scheunen und weidenden Kühen liegt. Die Piloten des Jahres 1966 nähern sich diesem Knick mit atemberaubenden Geschwindigkeiten von nahezu 300 Kilometern pro Stunde. Es gibt keine Auslaufzonen. Nichts. Wenn ein Auto die Ideallinie verlässt, schlägt es unweigerlich in Telegrafenmasten, dicke Eichen, tiefe Straßengräben oder die steinernen Mauern der Bauernhäuser ein. Nach dem Masta-Knick führt die Strecke weiter zur Stavelot-Kurve, einer langgezogenen Rechtskurve, bevor es über die wellige Rückgerade wieder hinauf in Richtung La Source geht.
Schon im Training wird deutlich, wie drastisch die neuen Motoren das Tempo verschärfen. Der bestehende Rundenrekord von 3:49 Minuten, aufgestellt im Jahr 1964, wird von der Spitze regelrecht pulverisiert. Es ist John Surtees, der „Big John“, der auf seinem Werks-Ferrari 312 eine geradezu außerirdische Runde in den Asphalt brennt. Mit einer Fabelzeit von 3:38,0 Minuten sichert sich der Brite die Pole-Position – das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von unfassbaren 233,17 km/h auf einer öffentlichen Landstraße!
Hinter Surtees explodiert die Zeitenjagd ebenfalls: Der junge Österreicher Jochen Rindt zeigt im Cooper-Maserati seine ganze Klasse und stellt den bulligen Wagen mit einer Zeit von 3:41,2 Minuten in die erste Startreihe neben Surtees. Er ist dabei stolze 3,2 Sekunden langsamer als der Pole-Setter, was die damalige Dominanz von Surtees und Ferrari unterstreicht. Direkt dahinter lauert Jackie Stewart im Zwei-Liter-BRM auf dem dritten Startplatz (3:41,5 Minuten, nur drei Zehntelsekunden hinter Rindt), gefolgt von Jack Brabham in seinem eigenen Brabham-Repco (3:41,8 Minuten) und Lorenzo Bandini im zweiten Werks-Ferrari (3:43,8 Minuten).
Insgesamt finden sich lediglich 15 Fahrer für dieses heroische Unterfangen ein. Doch über all dem fliegt das Damoklesschwert des Wetters. In den Ardennen kann sich das Klima innerhalb von Minuten von strahlendem Sonnenschein in ein tropisches Unwetter verwandeln. Und genau dieses meteorologische Mikroklima sollte an diesem 12. Juni 1966 zur tödlichen Falle werden.
4. Das Starterfeld des Großen Preises von Belgien 1966
Um ein präzises Bild des historischen Rennens zu zeichnen, werfen wir einen detaillierten Blick auf die offizielle Startaufstellung und die qualifizierten Piloten, wie sie in den offiziellen Dokumenten verzeichnet sind:
Die Startaufstellung (Top 15):
- John Surtees (Ferrari) – 3:38,0 min (Schnitt: 233,17 km/h)
- Jochen Rindt (Cooper-Maserati) – 3:41,2 min (+3,2 s)
- Jackie Stewart (B.R.M.) – 3:41,5 min (+3,5 s)
- Jack Brabham (Brabham-Repco) – 3:41,8 min (+3,8 s)
- Lorenzo Bandini (Ferrari) – 3:43,8 min (+5,8 s)
- Joakim Bonnier (Cooper-Maserati) – 3:44,3 min (+6,3 s)
- Mike Spence (Lotus-B.R.M.) – 3:45,2 min (+7,2 s)
- Richie Ginther (Cooper-Maserati) – 3:45,4 min (+7,4 s)
- Graham Hill (B.R.M.) – 3:45,6 min (+7,6 s)
- Jim Clark (Lotus-Climax) – 3:45,8 min (+7,8 s)
- Bob Bondurant (B.R.M.) – 3:50,5 min (+12,5 s)
- Guy Ligier (Cooper-Maserati) – 3:51,1 min (+13,1 s)
- Denny Hulme (Brabham-Climax) – 3:51,4 min (+13,4 s)
- Jo Siffert (Cooper-Maserati) – 3:53,8 min (+15,8 s)
- Dan Gurney (Eagle-Climax) – 3:57,6 min (+19,6 s)
(Hinweis: Bruce McLaren, Vic Wilson und Peter Arundell waren zwar gemeldet, nahmen jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht aktiv am Rennen teil.)
5. Das Rennen beginnt: Ein Blindflug in die Apokalypse
Es ist kurz vor 15:00 Uhr Ortszeit. Die Rennleitung entscheidet, das Rennen plangemäß zu starten, obwohl am Horizont bedrohlich schwarze Wolken aufziehen. Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnt ist die Tatsache, dass sich über dem hinteren Teil der Strecke, im Bereich zwischen Malmedy, dem Masta-Knick und Stavelot, bereits die Schleusen des Himmels geöffnet haben. Ein wolkenbruchartiger Sommerregen prasselt auf den Asphalt nieder und verwandelt die Landstraße in eine Seenlandschaft. Doch am Start- und Zielbereich im Schatten der La-Source-Kurve ist die Fahrbahn zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen trocken.
Die Flagge fällt. Das ohrenbetäubende Brüllen von fünfzehn ungedämpften Rennmotoren zerreißt die Luft. John Surtees nutzt die Traktion seines Ferrari perfekt und setzt sich sofort an die Spitze, dicht gefolgt von Jochen Rindt und Jackie Stewart. Die Fahrzeuge schießen im engen Pulk hinunter zu Eau Rouge, jagen den Hügel hinauf und verschwinden mit weit über 200 Kilometern pro Stunde in den dichten Wäldern.
Als die Piloten die lange Bergaufpassage hinter sich bringen und sich mit Höchstgeschwindigkeit den Abschnitten Burnenville und Malmedy nähern, kollidieren sie ohne jede Vorwarnung mit einer regelrechten Wand aus Wasser. Es ist ein plötzlicher, sintflutartiger Wolkenbruch, der die Sichtweite augenblicklich auf Null reduziert. Die Reifen der damaligen Zeit haben gegen die gigantischen Wassermassen nicht den Hauch einer Chance. Aquaplaning setzt ein. Die tonnenschweren, hochentzündlichen Rennwagen verwandeln sich augenblicklich in unkontrollierbare Projektile.
Was folgt, ist das größte Massenchaos, das die Formel 1 bis zu diesem Zeitpunkt in einer einzigen Rennrunde erlebt hat. Als Erster verliert Joakim Bonnier die Kontrolle über seinen Cooper-Maserati. Der Wagen bricht aus, schießt über die ungeschützte Böschung und bleibt in haarsträubender Position auf der Kante einer steinernen Brücke hängen – das Heck baumelt bedrohlich im Leeren, während Bonnier wie durch ein Wunder unverletzt aus dem Wrack klettern kann. Nur Sekundenbruchteile später erwischt es den Amerikaner Bob Bondurant. Sein BRM dreht sich mehrfach um die eigene Achse, fliegt von der Straße und überschlägt sich im nassen Gras.
Das Chaos breitet sich aus. Mike Spence verunfallt mit seinem Lotus. Jo Siffert und Denny Hulme drehen sich von der Strecke, beschädigen ihre Fahrzeuge, bleiben aber physisch unversehrt. Sogar der amtierende Weltmeister Jim Clark erlebt ein Drama: Sein Lotus-Climax erleidet durch das aufgewirbelte Wasser einen Motorschaden – er muss seinen Wagen nach gut anderthalb Meilen frustriert am Streckenrand abstellen. Im Grunde genommen bricht das halbe Starterfeld innerhalb weniger Kilometer komplett zusammen.
Als die verbliebenen Autos schließlich nach der ersten Runde wieder die Start- und Ziellinie passieren, befinden sich nur noch sieben Fahrzeuge im aktiven Rennen. Die Zuschauer blicken sich ungläubig um – ein Großteil der absoluten Weltelite ist spurlos in den Ardennenwäldern verschwunden.
Während an der Spitze John Surtees mit all seiner immensen Erfahrung das Auto irgendwie auf der Straße hält und Jochen Rindt hinter ihm in einem epischen Tanz unzählige Pirouetten dreht, ohne irgendwo einzuschlagen, bricht für Jackie Stewart in der ultraschnellen Passage direkt nach dem Masta-Knick die Hölle los.
6. Das Inferno von Masta: Jackie Stewarts 25-Minuten-Hölle
Jackie Stewart nähert sich dem Masta-Knick mit einer Geschwindigkeit von schätzungsweise 260 Kilometern pro Stunde, als sein BRM von einer massiven Wasserwelle erfasst wird. Das Heck bricht unaufhaltsam aus. Stewart steuert reflexartig gegen, doch das Fahrzeug hat jeglichen Kontakt zum Asphalt verloren. Der Wagen schießt von der Fahrbahn.
Der BRM rammt zuerst mit voller Wucht einen hölzernen Telegrafenmast, der wie ein Streichholz einknickt. Das Fahrzeug schleudert weiter, rasiert die Außenmauer einer kleinen Waldhütte und fliegt schließlich über eine Böschung in den tiefer gelegenen Hof eines landwirtschaftlichen Betriebs. Der Bolide schlägt brutal auf und bleibt völlig zertrümmert im Außenkeller eines Bauernhauses liegen. Der Aufprall ist so heftig, dass das Fahrzeug regelrecht die Form einer Banane annimmt. Das Instrumentenbrett wird durch die Wucht des Einschlags komplett aus Verankerungen gerissen und fliegt 200 Meter weit über die Felder.
Als der ohrenbetäubende Lärm des Aufpralls verstummt, befindet sich Jackie Stewart in einer absolut lebensbedrohlichen Situation. Er ist im Cockpit gefangen. Seine Beine sind durch die völlig deformierte Aluminium-Struktur des Monocoques brutal eingeklemmt. Doch das eigentliche Entsetzen ist ein anderes: Durch den Aufprall sind die flexiblen Benzintanks im Inneren der Seitenwände komplett nach innen hin aufgerissen. Unmengen von hochentzündlichem Flugbenzin ergießen sich direkt in das Cockpit.
Stewart sitzt bis zur Brust in einem sprichwörtlichen Bad aus purem Treibstoff. Das Benzin sickert durch seinen dünnen Baumwollanzug, frisst sich durch seine Unterwäsche und beginnt auf der nackten Haut furchtbare chemische Verätzungen zu verursachen. Zu allem Überfluss läuft die elektrische Kraftstoffpumpe des BRM ungerührt weiter. Sie summt monoton im Hintergrund und pumpt unaufhörlich weiteren Treibstoff nach. Stewart weiß: Ein einziger Funke aus der beschädigten Elektrik, eine einzige heiße Auspuffkomponente – und er wird in Sekundenbruchteilen bei lebendigem Leibe verbrennen. Es gibt keine Streckenposten. Es gibt keine Marshals. Stewart ist völlig auf sich allein gestellt.
Doch das Schicksal hat an diesem Tag andere Pläne. Graham Hill, Stewarts Teamkollege bei BRM, hat sich nur wenige hundert Meter weiter ebenfalls gedreht und sein Auto unbeschädigt im Graben geparkt. Als Hill aussteigt und in die Ferne blickt, sieht er das rauchende Trümmerfeld im Hof des Bauernhofs. Ohne zu zögern rennt der Brite los. Zur gleichen Zeit kriecht Bob Bondurant aus den Trümmern seines eigenen Wracks und eilt ebenfalls herbei.
Als Hill und Bondurant die Unfallstelle erreichen, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens. Graham Hill reagiert geistesgegenwärtig: Er kriecht in das Trümmerfeld und schafft es, die noch immer laufende elektrische Benzinpumpe manuell auszuschalten. Damit bannt er die unmittelbare Explosionsgefahr. Doch sie können Stewart nicht aus dem Cockpit heben. Das starre Lenkrad blockiert die Beine des Schotten vollständig. Die Lenksäule ist verbogen, das Lenkrad lässt sich nicht abnehmen – ein Schnellverschluss ist damals Science-Fiction.
Es beginnt ein verzweifelter Kampf gegen die Uhr. Hill und Bondurant schreien nach Werkzeug, doch niemand reagiert. Die anwesenden Zuschauer stehen gaffend am Streckenrand, unfähig zu helfen. Schließlich läuft Bondurant zu einem der Zuschauer und leiht dessen privaten Werkzeugkasten. Mit einem einfachen Schraubenschlüssel kehren die beiden Rennfahrer zum Wrack zurück. Während sie selbst von oben bis unten mit dem ätzenden Treibstoff überschüttet werden, hantieren sie fieberhaft an den Befestigungsschrauben des Lenkrads.
Es dauert unendliche, qualvolle 25 Minuten. Fünfundzwanzig Minuten, in denen Jackie Stewart Todesängste aussteht, während das Benzin seine Haut verätzt. Endlich gibt die Lenkradnabe nach. Hill und Bondurant können das Lenkrad entfernen und ziehen den verletzten Stewart vorsichtig aus dem Aluminium-Sarg. Sie tragen ihn quer über den Hof in eine angrenzende Heuscheune und legen ihn auf den nackten Boden.
7. Die Farce der Erstversorgung: Zwischen Nonnen und Zigarettenstummeln
In der Scheune angekommen, fleht Stewart seine Retter an, ihm die Kleider vom Leib zu reißen. Das Benzin brennt wie Feuer auf seiner Haut. Graham Hill schneidet den nassen Rennanzug auf und entkleidet seinen Teamkollegen komplett. Stewart liegt nackt, zitternd vor Schmerz und Schock im Stroh. Er hat sich beim Aufprall eine Schulter gebrochen und mehrere Rippen zertrümmert. In diesem Moment betreten drei lokale Nonnen die Scheune. Angesichts des Anblicks eines völlig nackten, verletzten Mannes im Heu geraten die Frauen in Panik und beginnen promptly, Stewart seine benzingetränkten, ätzenden Kleider wieder überzuziehen! Graham Hill muss energisch dazwischengehen, um die Kleider wieder zu entfernen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit trifft schließlich ein lokaler Rettungswagen an der Scheune ein. Man lädt den schottischen Rennfahrer ein und transportiert ihn zu einem provisorischen Gebäude an der Strecke, das als „Medical Center“ deklariert wurde.
Als Stewart dort ankommt, traut er seinen Augen nicht. Es gibt keine Ärzte, keine sterilen Instrumente. Man legt den WM-Zweiten auf eine uralte, verschlissene Segeltuch-Trage. Und diese Trage wird nicht etwa auf ein Bett gestellt – man platziert den schwer verletzten Piloten schlichtweg auf dem nackten, dreckigen Fußboden. Um ihn herum liegen überall achtlos weggeworfene Zigarettenstummel, Dreck und Staub. Es ist ein hygienisches Desaster. „Wenn dir so etwas passiert, merkst du erst: Das ganze System ist völlig falsch“, wird Stewart diesen Moment später rekapitulieren.
Schließlich wird ein zweiter Krankenwagen organisiert, um Stewart in das Krankenhaus nach Lüttich zu transportieren. Um sicherzustellen, dass das Fahrzeug im dichten Verkehr nicht stecken bleibt, stellt die belgische Gendarmerie eine Motorrad-Eskorte zur Verfügung. Doch selbst diese Maßnahme versinkt im puren Chaos: Kurz nach der Abfahrt verliert die Polizeieskorte den kontakt zum Rettungswagen. Zu allem Überfluss hat der Fahrer des Krankenwagens nicht den blassesten Schimmer, wie er zum Krankenhaus in Lüttich gelangen soll. Er verfährt sich hoffnungslos in den belgischen Dörfern.
Erst Stunden später erreicht Stewart endlich ein adäquates Krankenhaus. Die Absurdität dieses Tages hinterlässt tiefe Wunden. Noch während er auf dem Krankenbett liegt, reift in ihm ein unerschütterlicher Entschluss: Das Abschlachten im Namen des Sports muss ein Ende haben.
8. Währenddessen auf der Strecke: Surtees triumphiert im verbliebenen Feld
Während sich im Hintergrund das medizinische Drama um Stewart abspielt, geht das Rennen auf der verbliebenen Strecke weiter. Nach dem Massensterben der ersten Runde passieren lediglich sieben Fahrzeuge die Start- und Ziellinie, um die zweite Runde in Angriff zu nehmen. Das Feld ist drastisch dezimiert. Unter den verbliebenen Autos befindet sich auch ein modifizierter McLaren, gefahren von Phil Hill. Es ist jedoch das offizielle Kamerafahrzeug für John Frankenheimers Filmprojekt „Grand Prix“, das in diesem Sommer gedreht wird. Phil Hill stellt den Wagen allerdings kurz darauf ab, da er kein unnötiges Risiko eingehen will.
John Surtees führt das dezimierte Feld auf seinem Ferrari an, doch er steht unter massivem Druck von Jochen Rindt. Rindt, der als einer der größten Regenkünstler aller Zeiten gilt, nutzt die Agilität seines Cooper-Maserati perfekt aus. Auf der spiegelglatten Fahrbahn fliegt der Österreicher förmlich an Surtees vorbei und übernimmt sensationell die Führung des Rennens. Rindt zieht an der Spitze einsame Kreise und baut seinen Vorsprung kontinuierlich aus.
Doch die Ardennen fordern auch technologischen Tribut. Gegen Mitte des Rennens, das aufgrund der extremen Bedingungen vorsorglich auf 28 Runden verkürzt worden war (was einer Gesamtdistanz von 395,36 Kilometern entspricht), beginnt Rindts Cooper-Maserati zu schwächeln. Die Kupplung beginnt zu rutschen, und der Motor verliert an Leistung. John Surtees wittert seine Chance. Mit Präzision schließt der Brite die Lücke zu Rindt und geht in der 24. Runde wieder an dem glücklosen Österreicher vorbei.
Nach genau 2 Stunden, 9 Minuten und 11,3 Sekunden überquert John Surtees als strahlender Sieger die Ziellinie. Es ist ein historischer Triumph für Ferrari und das perfekte Comeback für Surtees nach seinem schweren Sportwagenunfall im Vorjahr. Jochen Rindt rettet den zweiten Platz mit einem Rückstand von 42,1 Sekunden ins Ziel. Auf dem dritten Platz, bereits mit einer vollen Runde Rückstand, landet Lorenzo Bandini im zweiten Ferrari. Jack Brabham quält seinen Brabham-Repco mit zwei Runden Rückstand als Vierter ins Ziel, gefolgt von Richie Ginther im zweiten Werks-Cooper auf dem fünften Rang (drei Runden zurück).
Das offizielle Rennergebnis des Großen Preises von Belgien 1966 stellt sich wie folgt dar:
Das offizielle Rennergebnis:
- John Surtees (Ferrari) – 28 Runden in 2:09:11,3 h (Schnitt: 183,360 km/h)
- Jochen Rindt (Cooper-Maserati) – 28 Runden (+42,1 s)
- Lorenzo Bandini (Ferrari) – 27 Runden (+1 Runde)
- Jack Brabham (Brabham-Repco) – 26 Runden (+2 Runden)
- Richie Ginther (Cooper-Maserati) – 25 Runden (+3 Runden)
- Guy Ligier (Cooper-Maserati) – 24 Runden (Nicht klassifiziert / NC)
Schnellste Rennrunde: John Surtees (Ferrari) in 4:18,7 min in Runde 18 (Schnitt: 196,444 km/h)
9. Eine denkwürdige Anekdote: Dan Gurneys unkonventioneller Boxenstopp
Inmitten all des Dramas und der Tragik dieses Tages schreibt der amerikanische Allrounder Dan Gurney eine ganz eigene, fast schon humoristische Episode, die perfekt illustriert, wie grundlegend anders die Formel 1 der 1960er-Jahre im Vergleich zur heutigen Moderne funktionierte.
Gurney, der an diesem Wochenende den brandneuen Eagle-Climax seines eigenen Teams All American Racers an den Start bringt, hat im Qualifying den 15. Startplatz belegt. Im Rennen schlägt er sich wacker durch das Chaos und hält die wunderschöne dunkelblaue Maschine trotz des heftigen Regens auf der Strecke. Doch im Verlauf des Rennens meldet sich bei dem hochgewachsenen Kalifornier ein zutiefst menschliches Problem: Seine Blase drückt unaufhörlich.
In der heutigen Formel 1 geben Fahrer dem Ruf der Natur im Bedarfsfall einfach im Cockpit nach. Doch für Dan Gurney im Jahr 1966 ist das unvorstellbar. In einem späteren Interview erklärt er augenzwinkernd: „Das wollte ich ja, aber es ging einfach nicht. Doch der Körper lässt sich nicht austricksen. Ich musste etwas unternehmen.“
Gurney fackelt nicht lange. Er verringert das Tempo, steuert seinen Eagle an einer recht einsamen Stelle der Strecke an den Streckenrand, stellt den Motor ab und zieht die Handbremse. Weit und breit ist kein Streckenposten zu sehen. Irgendwo im Hintergrund muht eine Kuh. Gurney klettert in aller Seelenruhe aus seinem Formel-1-Boliden, tritt an den Streckenrand und erleichtert sich ausgiebig in der belgischen Naturlandschaft. Nach getaner Arbeit steigt der Amerikaner ungerührt wieder in seinen Eagle, lässt den Motor an und nimmt das Rennen wieder auf. Dass er am Ende aufgrund der verlorenen Zeit nicht offiziell klassifiziert wird, stört damals niemanden. Gurney steigt nach der Pinkelpause wieder ein und wird schließlich als Siebter gewertet. Was heute zu einem weltweiten Aufreger führen würde, erzeugte 1966 höchstens ein amüsiertes Achselzucken.
10. Der Wendepunkt: Jackie Stewart wird zum Kreuzzügler der Sicherheit
Als Jackie Stewart nach England ausgeflogen wird, ist er ein veränderter Mann. Die Präzision, die ihn auf der Rennstrecke auszeichnet, überträgt er nun auf die politische Bühne des Motorsports. Er hat am eigenen Leib erfahren, dass das Risiko im Rennsport nicht primär durch das fahrerische Tempo entsteht, sondern durch die fundamentale Inkompetenz der Veranstalter.
Stewart sucht sich mächtige Verbündete. Er überzeugt seinen Teamchef bei BRM, Louis Stanley, sich seiner Sache anzuschließen. Gemeinsam beginnen sie, massiven Druck auf die Streckenbetreiber auszuüben. Stewarts Forderungen sind aus heutiger Sicht absolute Selbstverständlichkeiten:
- Prospektive Errichtung von stabilen Leitplanken an den Streckenrändern, um das Einschlagen in Bäume zu verhindern.
- Die Schaffung von echten Auslaufzonen anstelle von Straßengräben und Steinmauern.
- Die Bereitstellung von professionell ausgebildeten, feuerfest gekleideten Streckenposten mit effektiven Feuerlöschern.
- Die Verpflichtung zu modernen medizinischen Zentren an den Rennstrecken sowie die Präsenz eines Rettungshubschraubers.
- Die Einführung von abnehmbaren Lenkrädern und standardisierten Sicherheitsgurten im Cockpit.
Stewart belässt es nicht bei Worten. Als unmittelbare Konsequenz aus seiner 25-minütigen Gefangenschaft greift er zu einer pragmatischen Selbsthilfe: Er klebt fortan vor jedem Rennen einen passenden Schraubenschlüssel direkt mit Klebeband an die Lenksäule seines BRM-Cockpits. Sollte er erneut verunglücken, haben er oder seine Retter zumindest sofort das passende Werkzeug parat.
Mit diesem kompromisslosen Kampf macht sich Stewart keineswegs nur Freunde. Im Gegenteil: Er wird zum meistgehassten Mann der Formel 1. Die mächtigen Streckenbesitzer bezichtigen ihn der Feigheit. Sie argumentieren, Stewart zerstöre den heroischen Charakter des Sports. Auch Teile der Sportpresse verhöhnen den Schotten als wehleidigen Spielverderber.
Doch Stewart bleibt eisern. Er formiert die Grand Prix Drivers’ Association (GPDA) zu einer schlagkräftigen Gewerkschaft um. Wenn die Streckenbetreiber nicht bereit sind, Geld in die Sicherheit zu investieren, dann werden die Fahrer schlichtweg streiken. Diese Drohung erweist sich als das schärfste Schwert. Als die Besitzer des Circuit de Spa-Francorchamps sich weigern, die Piste mit adäquaten Leitplanken auszustatten, macht Stewart Ernst: Die GPDA boykottiert den Großen Preis von Belgien im Jahr 1969 geschlossen. Das prestigeträchtige Rennen muss abgesagt werden – ein brutaler Weckruf für die gesamte Motorsport-Welt. Es folgt der Boykott des Nürburgrings im Jahr 1970 sowie der Strecke von Zandvoort im Jahr 1972.
Stewart bringt es Jahre später in seiner gewohnt pointierten, unmissverständlichen Art auf den Punkt: „Ich wäre ein weitaus populärerer Weltmeister gewesen, wenn ich immer das gesagt hätte, was die Leute hören wollten. Ich wäre dann zwar vermutlich tot, aber mit Sicherheit populärer.“
11. Epilog: Das Vermächtnis von Spa 1966
Wenn wir heute ein modernes Formel-1-Rennen verfolgen, sehen wir High-Tech-Piloten, die bei Unfällen dank des HALO-Systems, hochentwickelter Kohlefaser-Monocoques und feuerfester Nomex-Anzüge fast immer völlig unverletzt aus den Trümmern steigen. Es ist eine Welt, die mit der rauen Realität des 12. Juni 1966 nichts mehr gemein hat.
Der schwere Unfall von Sir Jackie Stewart in den nassen Wäldern der Ardennen war der schmerzhafte Funke, der den wichtigsten Kreuzzug in der Geschichte des Motorsports entzündete. Stewart verlor auf diesem Weg viele seiner engsten Freunde – Männer wie Jim Clark und Jochen Rindt, die den Preis für die langsame Entwicklung bezahlten. Doch durch seinen Kampf stellte er sicher, dass zukünftige Generationen von Rennfahrern eine reale Chance erhielten, nach dem Rennen nach Hause zurückzukehren. Der Große Preis von Belgien 1966 bleibt der Tag, an dem das blinde Sterben der Gladiatoren seinen erbittertsten Gegner fand.
