904 PS, nur 550 Kilogramm und ein V12, der mehr als 18.000 Touren drehen sollte: Mit dem Formula Gran Turismo baute Polyphony Digital für Gran Turismo 4 einen eigenen Grand-Prix-Wagen. Doch die Geschichte begann schon im Vorgänger. Gran Turismo 3 versteckte Williams, McLaren und Lotus hinter kryptischen Fantasienamen – bevor Polyphony den letzten Schritt ging und seine ganz eigene Formel 1 erfand.

Gran Turismo 4 lebte von einem besonderen Versprechen. Hunderte reale Autos, berühmte Rennstrecken, detaillierte technische Daten und eine beinahe obsessive Liebe zur Automobilgeschichte sollten aus einem PlayStation-Spiel eine virtuelle Enzyklopädie des Autos machen. Wer einen Nissan Skyline, einen Mercedes-Benz 300 SL oder einen Sauber C9 auswählte, fuhr zumindest digital etwas, das tatsächlich existiert hatte. Genau deshalb fiel ein Fahrzeug im riesigen Fuhrpark besonders auf: ein Formelwagen, den außerhalb einer PlayStation niemand jemals fahren konnte.

Der Formula Gran Turismo ’04 sah aus wie ein Formel-1-Auto, klang wie eines und war auf vielen Strecken schneller als praktisch alles andere im Spiel. Doch weder Ferrari noch McLaren, Williams oder irgendein anderes reales Team hatten ihn gebaut. Es gab keinen Fahrer, keinen Grand Prix und keinen Eintrag in einer FIA-Ergebnisliste. Polyphony Digital hatte sich stattdessen eine eigene Vorstellung davon geschaffen, wie ein moderner Grand-Prix-Wagen aussehen und funktionieren könnte. Ganz ohne Vorgeschichte geschah das allerdings nicht.

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Schon Gran Turismo 3 versteckte Formel-1-Autos im Spiel

Der Formula Gran Turismo war nicht Polyphonys erster Versuch, Grand-Prix-Technik in Gran Turismo unterzubringen. Bereits Gran Turismo 3: A-Spec enthielt Formelwagen, die für viele Spieler zu den geheimnisvollsten Autos des gesamten Spiels gehörten. Sie standen bei keinem normalen Hersteller und ließen sich nicht einfach beim Händler kaufen. Wer sie freischaltete, stieß auf Fahrzeuge, deren Bezeichnungen zunächst wie interne Entwicklungsnamen wirkten – deren technische und optische Herkunft für Motorsportfans aber erstaunlich leicht zu entschlüsseln war.

In den amerikanischen und japanischen NTSC-Versionen von Gran Turismo 3 existierten gleich sechs dieser Fahrzeuge: F090/S, F094/S, F094/H, F686/M, F687/S und F688/S. Europäische Spieler bekamen dagegen nur zwei Modelle zu sehen. Dort hießen sie deutlich unauffälliger Polyphony001 und Polyphony002. Offiziell waren alle diese Autos Produkte von Polyphony Digital. Wer genauer hinsah, erkannte jedoch schnell, dass hinter ihnen sehr reale Formel-1-Geschichte steckte – und teilweise sogar konkrete Grand-Prix-Konstruktionen.

Ein kleiner Code verriet Jahr und Fahrer

Das scheinbar kryptische Bezeichnungssystem der NTSC-Fahrzeuge war im Grunde erstaunlich logisch. Das „F“ stand für den Formelwagen, die folgenden Zahlen verwiesen auf das jeweilige Jahr und der Buchstabe nach dem Schrägstrich auf einen Fahrer, mit dem das reale Vorbild besonders verbunden war. Aus F090/S wurde so sinngemäß ein Formelwagen aus dem Jahr 1990 mit Bezug zu Senna. F686/M verwies entsprechend auf 1986 und Mansell, während F094/H die Saison 1994 und Damon Hill erkennen ließ.

Polyphony nannte die realen Hersteller zwar nicht, versteckte ihre Identität aber kaum. Dadurch entstand in Gran Turismo 3 eine Art inoffizielles kleines Formel-1-Museum, das ganz unterschiedliche technische Epochen abdeckte. Vom brutalen Turbozeitalter der 1980er bis zur hochentwickelten Saugmotor-Formel 1 der frühen 1990er reichte die Spannweite. Einige der Vorbilder gehörten dabei zu den berühmtesten Rennwagen der Grand-Prix-Geschichte und waren für Kenner praktisch auf den ersten Blick identifizierbar.

GT3-Fahrzeug Version Reales Vorbild Jahr Bezug im Namen
F686/M NTSC Williams FW11 1986 Nigel Mansell
F687/S NTSC Lotus 99T 1987 Ayrton Senna
F688/S NTSC McLaren MP4/4 1988 Ayrton Senna
F090/S NTSC McLaren MP4/5B 1990 Ayrton Senna
F094/S NTSC Williams FW16 1994 Ayrton Senna
F094/H NTSC Williams FW16 / FW16B 1994 Damon Hill
Polyphony001 PAL Basis F094/S / Williams FW16, mit veränderter Karosserie 1994/95-Stil PAL-Ersatzmodell
Polyphony002 PAL Basis F688/S / McLaren MP4/4, mit veränderter Karosserie 1988-Basis PAL-Ersatzmodell

F688/S: Der McLaren MP4/4 unter falschem Namen

Der vielleicht prominenteste Vertreter war der F688/S. Hinter der Bezeichnung verbarg sich unverkennbar der McLaren MP4/4 aus der Saison 1988. Ayrton Senna und Alain Prost gewannen mit diesem Auto 15 der 16 Grands Prix und machten den MP4/4 zu einem der dominantesten Formel-1-Fahrzeuge aller Zeiten. Gran Turismo übernahm nicht einfach nur die Grundform des Autos, sondern auch dessen technische Epoche und den Charakter eines extrem leichten, enorm leistungsstarken Turbo-Formelwagens.

Der F688/S verwendete einen 1,5-Liter-V6-Turbomotor und leistete im Spiel rund 800 PS. Mit lediglich etwa 540 Kilogramm Gewicht bewegte sich das Auto in einer Leistungsklasse, gegen die beinahe der gesamte normale GT3-Fuhrpark hilflos wirkte. Selbst intern machte Polyphony aus dem Vorbild kaum ein Geheimnis, denn entsprechende Fahrzeugbezeichnungen verwiesen unmittelbar auf den berühmten McLaren. Offiziell hieß das Auto trotzdem F688/S – eine Tarnung, die für Motorsportfans kaum mehr als Formalität war.

F687/S: Ayrton Sennas Lotus 99T als nächster Baustein

Ein Jahr zuvor hatte Ayrton Senna noch für Lotus gewonnen. Genau diese Epoche griff der F687/S auf. Sein Vorbild war der Lotus 99T aus der Formel-1-Saison 1987, jener gelbe Honda-Turbo, mit dem Senna in Monaco und Detroit gewann. Polyphony übernahm nicht nur die technische Grundidee des Fahrzeugs, sondern spielte auch bei den Lackierungen mit seiner Herkunft. Besonders die gelbe Variante war kaum misszuverstehen, während eine schwarze Ausführung zusätzlich Erinnerungen an frühere Lotus-Epochen hervorrief.

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Mit rund 900 PS aus einem 1,5-Liter-V6-Turbomotor gehörte der F687/S zu den leistungsstärksten Formelwagen in Gran Turismo 3. Gleichzeitig war er schwieriger zu beherrschen als die jüngeren Saugmotorfahrzeuge. Damit simulierte GT3 zumindest grob auch den Charakterunterschied zwischen den Epochen. Polyphony bildete keine vollständige technische Historie nach, vermittelte dem Spieler aber deutlich, dass ein Turbo-Formelwagen der 1980er etwas anderes war als ein hochentwickelter Grand-Prix-Wagen der frühen 1990er.

F686/M: Nigel Mansells Williams FW11

Noch extremer wurde es mit dem F686/M. Die Zahlen verwiesen auf 1986, der Buchstabe auf Nigel Mansell. Das reale Vorbild war der Williams FW11, mit dem Mansell bis zum dramatischen Saisonfinale in Adelaide um die Weltmeisterschaft kämpfte. Der Williams gehörte zu den Höhepunkten der ersten Turboära und kombinierte gewaltige Motorleistung mit einem extrem leichten Chassis. Gran Turismo machte daraus entsprechend eines der brutalsten Fahrzeuge im gesamten Formelwagen-Aufgebot von GT3.

Der F686/M erreichte im Spiel mehr als 900 PS und war damit der leistungsstärkste der sechs NTSC-Formelwagen. Auf schnellen Strecken war das Auto entsprechend gewaltig, gleichzeitig aber weniger unkompliziert als die späteren Fahrzeuge mit Saugmotor. Gerade diese Unterschiede machten die Formelwagen in Gran Turismo 3 interessant. Sie waren nicht bloß sechs unterschiedliche Lackierungen desselben Grundmodells, sondern vermittelten zumindest spielerisch den Eindruck verschiedener Entwicklungsphasen der Formel 1.

F090/S: Senna und der McLaren-Honda von 1990

Mit dem F090/S sprang Gran Turismo in eine andere technische Welt. Sein Vorbild war der McLaren MP4/5B der Saison 1990, mit dem Ayrton Senna seinen zweiten Formel-1-Weltmeistertitel gewann. Die Turbos waren inzwischen verschwunden, McLaren setzte auf einen hochdrehenden Honda-V10-Saugmotor. Entsprechend änderte sich auch der Charakter des virtuellen Fahrzeugs. Gegenüber den gewaltigen Turboautos der Mitte der 1980er lag die Spitzenleistung niedriger, dafür wirkte die Kraftentfaltung kontrollierbarer und die Fahrbarkeit insgesamt moderner.

Auch hier folgte die Bezeichnung der bekannten Logik: F für Formula, 090 für das Jahr 1990 und S für Senna. Spätestens bei diesem Fahrzeug wurde deutlich, wie weit Polyphony mit seiner historischen Verkleidung ging. Die Autos trugen Fantasienamen, doch wer sich etwas mit Formel-1-Geschichte auskannte, konnte ihre Herkunft praktisch vollständig entschlüsseln. Gran Turismo 3 versteckte also keine beliebigen Fantasieformeln, sondern interpretierte konkrete Fahrzeuge und Epochen unter neutralisierten Bezeichnungen.

F094/S und F094/H: Zwei Versionen des Williams von 1994

Besonders bemerkenswert waren die beiden Fahrzeuge mit der Jahreszahl 1994. Der F094/S orientierte sich am Williams FW16, den Ayrton Senna zu Beginn der Saison fuhr. Der F094/H lehnte sich dagegen an den weiterentwickelten FW16B an, mit dem Damon Hill in der zweiten Jahreshälfte um die Weltmeisterschaft kämpfte. Das „S“ beziehungsweise „H“ unterschied damit zwei Entwicklungsstufen desselben grundlegenden Fahrzeugkonzepts anhand der beiden Fahrer, die mit diesen Versionen besonders eng verbunden waren.

Beide Fahrzeuge verwendeten einen 3,5-Liter-V10-Saugmotor und lagen leistungsmäßig bei ungefähr 800 PS. Der F094/S galt im Spiel als besonders ausgewogen und verfügte über enorme Kurvengeschwindigkeit. Selbst interne Dateinamen verwiesen deutlich auf den Williams FW16. Genau an solchen Details zeigte sich, dass Gran Turismo 3 seine Formelwagen keineswegs zufällig gestaltet hatte. Polyphony rekonstruierte real existierende Motorsportgeschichte, veränderte aber Namen, Logos und einzelne Karosseriedetails so weit, dass daraus offiziell eigenständige Fahrzeuge wurden.

Europa bekam stattdessen Polyphony001 und Polyphony002

Wer Gran Turismo 3 in Deutschland spielte, kennt viele dieser Bezeichnungen möglicherweise überhaupt nicht. In der europäischen PAL-Version verschwanden die sechs einzelnen Fahrzeuge und wurden durch lediglich zwei Modelle ersetzt: Polyphony001 und Polyphony002. Auch diese beiden Autos waren allerdings keine vollständigen Neuschöpfungen, sondern stärkere Mischformen bereits bekannter Konstruktionen. Polyphony reduzierte damit nicht nur die Zahl der Formelwagen, sondern verschleierte deren reale Herkunft wesentlich konsequenter.

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Der Polyphony001 basierte technisch und grundsätzlich auch optisch auf dem F094/S und damit auf dem Williams FW16 von 1994. Polyphony veränderte allerdings mehrere Bereiche des Designs. Unter anderem erhielt das Fahrzeug eine höhere Nase und einen anders gestalteten Heckbereich, wodurch auch Elemente späterer Williams-Konstruktionen einflossen. Der Polyphony002 ging dagegen auf den F688/S zurück und damit letztlich auf den McLaren MP4/4 von 1988. Aus sechs historischen Anspielungen wurden in Europa also zwei stärker verfremdete Polyphony-Modelle.

Selbst die Tarnung hatte Grenzen

Gerade Polyphony001 und Polyphony002 zeigen rückblickend sehr gut, wie ungewöhnlich Gran Turismo 3 mit der Formel 1 umging. Einerseits versuchte das Spiel, die Fahrzeuge von ihren realen Vorbildern zu lösen. Logos verschwanden, Karosseriedetails wurden verändert und die Namen wurden vollständig neutralisiert. Andererseits blieben die technischen und optischen Ursprünge offensichtlich genug, dass Kenner sie problemlos wiedererkennen konnten. Die Fahrzeuge bewegten sich damit bewusst zwischen Replik und Eigeninterpretation.

Beim Polyphony002 wurden beispielsweise Front- und Heckflügel sowie weitere Details gegenüber dem ursprünglichen F688/S verändert. Unter der Oberfläche blieb die Verbindung zum MP4/4 jedoch bestehen. Polyphony versteckte die Formel 1 also nicht wirklich, sondern verkleidete sie. Genau diese Strategie ist entscheidend für die spätere Entwicklung, denn Gran Turismo 4 ging einen Schritt weiter. Dort sollte nicht länger ein realer Grand-Prix-Wagen verändert und umbenannt werden. Polyphony entwarf stattdessen erstmals ein eigenes Formelauto als zentralen Bestandteil des Spiels.

Aus versteckten Vorbildern wurde ein eigenes Auto

Als Gran Turismo 4 erschien, verschwanden F090/S, F094/S, F094/H, F686/M, F687/S und F688/S aus dem regulären Fuhrpark. Auch Polyphony001 und Polyphony002 kehrten nicht zurück. An ihre Stelle trat ein einziger Formelwagen: der Formula Gran Turismo ’04. Diesmal ließ sich kein bestimmter Williams, McLaren oder Lotus mehr hinter der Bezeichnung entschlüsseln. Das Auto verwendete zwar zahlreiche Gestaltungsideen aus der zeitgenössischen Formel 1, war aber nicht mehr einfach die verfremdete Version eines realen Chassis.

Polyphony Digital hatte damit den entscheidenden Schritt vollzogen. Aus der Nachbildung ohne offiziellen Namen wurde eine eigenständige Konstruktion. Der Formula Gran Turismo war kein Formel-1-Auto mehr, dessen Herkunft lediglich versteckt wurde. Er war ein Formel-1-Auto, das niemals existiert hatte. Gerade deshalb markiert er innerhalb der Gran-Turismo-Serie einen Wendepunkt: Polyphony reproduzierte nicht länger nur Motorsportgeschichte, sondern begann, eine eigene technische Grand-Prix-Welt zu entwerfen.

Optisch steckte der FGT mitten in der Formel 1 von 2004

Seine Herkunft ließ sich trotzdem sofort erkennen. Die schmale Nase, hoch angesetzten Frontflügelelemente, komplexen Seitenkästen, zahlreiche kleine aerodynamische Zusatzflächen und der hohe Heckflügel passten perfekt in die Formel 1 der frühen 2000er. Die reale Saison 2004 war aerodynamisch eine besonders komplexe Phase, in der Teams mit immer neuen Leitblechen, Winglets, Zusatzprofilen und unterschiedlichen Seitenkastenformen nach Abtrieb suchten.

Ferrari F2004, BAR 006, Renault R24, Williams FW26 und McLaren MP4-19 unterschieden sich zwar deutlich voneinander, folgten aber denselben grundlegenden aerodynamischen Prinzipien. Der Formula Gran Turismo nahm genau diese Formensprache auf, ohne eines der Fahrzeuge vollständig zu kopieren. Dadurch entstand der vielleicht wichtigste optische Trick des Autos: Der FGT sah nicht wie ein ganz bestimmter Formel-1-Wagen aus. Er sah vielmehr so aus, als hätte man die gesamte Formel 1 des Jahres 2004 zu einem einzigen Fantasieauto verdichtet.

Unter der Karosserie begann Polyphonys Fantasie

Technisch wurde die Sache noch interessanter. Der Formula Gran Turismo verfügte in Gran Turismo 4 über ungefähr 904 PS bei lediglich 550 Kilogramm Gewicht. Schon dieses Verhältnis machte ihn zu einem der extremsten Fahrzeuge des gesamten Spiels. Ein realer Formel-1-Wagen der Saison 2004 sah zwar ähnlich aus, hätte diese Kombination aber nicht verwendet. Die Ähnlichkeit endete dort, wo das Regelbuch begann.

Die Formel 1 schrieb damals 3,0-Liter-V10-Saugmotoren vor. Michelin und Bridgestone lieferten Rillenreifen, nachdem Slicks Ende der 1990er aus dem Reglement verschwunden waren. Zahlreiche technische Freiheiten waren durch immer detailliertere Vorschriften eingeschränkt. Der Formula Gran Turismo ignorierte einen Teil dieser Grenzen bewusst. Damit wurde aus einem scheinbaren F1-Nachbau ein technisches Was-wäre-wenn – ein Auto, das aussehen durfte wie 2004, aber keineswegs nach dem Regelwerk von 2004 konstruiert war.

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Der 3,5-Liter-V12 kam aus einer anderen Formel-1-Zeit

Wie weit Polyphony dabei dachte, wurde später besonders deutlich. In Gran Turismo 5 erhielt der Formula Gran Turismo eine ausführlichere technische Fahrzeugbeschreibung, die das Konzept hinter dem bereits in GT4 eingeführten Wagen konkretisierte. Herzstück war ein 3,5-Liter-V12-Saugmotor mit 60 Grad Zylinderwinkel und vier Ventilen pro Zylinder. Pneumatische Ventilfedern, hohle Titanventile und zahlreiche Leichtbaumaterialien sollten Drehzahlen von mehr als 18.000 Umdrehungen pro Minute ermöglichen.

Das war faszinierend – und für einen Formel-1-Wagen des Jahres 2004 vollständig unrealistisch. 3,5 Liter Hubraum erinnerten vielmehr an die Formel 1 zwischen 1989 und 1994. Damals waren Saugmotoren dieser Größe erlaubt, und Ferrari setzte tatsächlich auf V12-Triebwerke. Polyphony kombinierte damit bewusst verschiedene Generationen. Der FGT sah aus wie ein moderner Grand-Prix-Wagen, verwendete aber ein Motorkonzept, das zehn Jahre zuvor aus dem realen Regelwerk verschwunden war.

Ein V12 von 1994 in einem Auto aus 2004

Genau darin liegt der eigentliche Reiz des Formula Gran Turismo. Äußerlich stammt das Fahrzeug klar aus den frühen 2000ern, sein Motor folgt dagegen einer Grundidee, die zehn Jahre zuvor aus der Formel 1 verschwunden war. Das Ergebnis wirkt wie eine alternative Motorsportgeschichte. Was wäre passiert, wenn die Formel 1 ihre 3,5-Liter-Saugmotoren behalten hätte und die Hersteller weitere zehn Jahre Zeit für deren Entwicklung bekommen hätten?

Ventiltrieb, Materialien, Elektronik und Verbrennungstechnik hätten sich weiterentwickelt, während gleichzeitig die Aerodynamik immer ausgefeilter geworden wäre. Polyphony beantwortete diese Frage nicht mit einer theoretischen Abhandlung. Das Studio baute das Auto einfach. Der Formula Gran Turismo war damit weniger eine Kopie der damaligen Formel 1 als eine Fantasie darüber, wohin sie sich ohne bestimmte Reglements hätte entwickeln können.

Slickreifen, Unterbodentunnel und Fahrerhilfen

Auch beim Rest des Fahrzeugs hielt sich Polyphony nicht an ein einzelnes historisches Regelwerk. Der Formula Gran Turismo fuhr auf Slickreifen, während die reale Formel 1 2004 noch gerillte Pneus verwendete. Die später veröffentlichte technische Beschreibung sprach außerdem von einem aufwendigen Unterboden mit zwei großen Tunneln und einem mächtigen Diffusor, die erheblichen aerodynamischen Abtrieb erzeugen sollten. Damit wurde auch unterhalb des Autos wesentlich mehr Freiheit angenommen, als sie ein reales Reglement unbedingt zugelassen hätte.

Hinzu kamen elektronische Systeme wie ABS, Traktionskontrolle, Launch Control und elektronische Bremskraftverteilung. Nicht alles davon hätte gleichzeitig in einen realen Grand Prix der Saison 2004 gepasst. Beim FGT musste es das auch nicht. Polyphony schrieb sein eigenes Reglement und kombinierte Technologien so, wie sie für das schnellstmögliche virtuelle Formelauto sinnvoll erschienen. Genau dadurch löste sich der Wagen endgültig von jedem konkreten historischen Vorbild.

904 PS treffen auf nur 550 Kilogramm

Die Zahlen erklären, warum sich der Formula Gran Turismo in GT4 so drastisch vom normalen Fuhrpark unterschied. Rund 904 PS mussten lediglich ungefähr 550 Kilogramm bewegen. Damit entfielen gerade einmal etwas mehr als 0,6 Kilogramm auf jedes PS. Selbst die stärksten Gruppe-C-Prototypen oder Le-Mans-Rennwagen im Spiel konnten dieses Verhältnis kaum mit einer vergleichbaren Kombination aus Abtrieb, Bremsleistung und Agilität verbinden.

Ein Toyota Minolta 88C-V konnte auf schnellen Abschnitten gewaltig beschleunigen, ein Sauber Mercedes C9 verfügte ebenfalls über enorme Leistungsreserven. Beide waren jedoch deutlich schwerer und aerodynamisch auf eine andere Fahrzeugklasse ausgelegt. Auf kurvenreichen Strecken bewegte sich der FGT deshalb in einer anderen Welt. Er bremste später, wechselte schneller die Richtung und konnte Geschwindigkeit durch Kurven tragen, die bei normalen Rennwagen längst einen deutlichen Lupfer verlangten.

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Polyphony verschenkte ihn nicht einfach

Wer dieses Auto fahren wollte, musste allerdings arbeiten. Der Formula Gran Turismo war kein Fahrzeug, das nach wenigen Stunden beim Händler gekauft werden konnte. In den internationalen Versionen von Gran Turismo 4 wartete er als Preis für den Sieg beim 24-Stunden-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife. Und 24 Stunden bedeuteten tatsächlich 24 Stunden reale Renndauer, sofern der Spieler die Veranstaltung vollständig selbst bestritt.

Eine Speicherfunktion während des Rennens gab es nicht. Wer die gesamte Veranstaltung im A-Spec-Modus selbst fahren wollte, musste einen kompletten realen Tag investieren und die PlayStation 2 durchlaufen lassen. Der neu eingeführte B-Spec-Modus machte die Aufgabe erheblich erträglicher, weil ein virtueller Fahrer übernehmen und das Renngeschehen beschleunigt werden konnte. Trotzdem blieb die Botschaft eindeutig: Der schnellste Formelwagen des Spiels sollte nicht einfach gekauft, sondern verdient werden.

Erst 24 Stunden Nordschleife, dann die eigene Formel-WM

Nach dem Gewinn des Formula Gran Turismo bekam das Auto sogar seine eigene Bühne. Im Extreme-Bereich wartete die Formula GT World Championship. Die Meisterschaft bestand aus 15 Rennen und umfasste insgesamt mehr als 4.500 Kilometer. Viele Veranstaltungen lagen bei ungefähr 300 Kilometern Renndistanz und orientierten sich damit an der Größenordnung realer Formel-1-Grands-Prix.

Das Teilnehmerfeld bestand ausschließlich aus verschieden lackierten Formula Gran Turismo. Damit erschuf Gran Turismo 4 mitten in seinem ansonsten realitätsbezogenen Karrierebetrieb eine komplett fiktive Grand-Prix-Weltmeisterschaft. Keine FIA, kein Ferrari, kein McLaren und kein Williams waren dafür nötig. Polyphony hatte seine eigenen Autos, seine eigenen Farben und seine eigene Meisterschaft. Für viele Spieler wurde die Formula GT World Championship dadurch zum eigentlichen Endspiel von GT4.

Die Farben erledigten, was Teamnamen nicht konnten

Dass der Formula Gran Turismo Assoziationen zur echten Formel 1 auslösen sollte, zeigte sich auch bei seinen Lackierungen. Das Fahrzeug existierte in mehreren Farbkombinationen, die zwar keine offiziellen Teamdesigns kopierten, aber vertraute Erinnerungen weckten. Silber und Schwarz ließen unweigerlich an McLaren-Mercedes denken, Rot führte gedanklich Richtung Ferrari, Weiß-Blau passte zur Williams-Welt der damaligen Zeit und Gelb-Schwarz erinnerte an Jordan.

Andere Varianten spielten ebenfalls mit Farbkombinationen, die Motorsportfans aus unterschiedlichen Formel-Epochen kannten. Das Prinzip war bereits aus GT3 bekannt: Polyphony musste keine Logos auf das Fahrzeug kleben, um beim Spieler bestimmte Assoziationen auszulösen. Ein paar Farben, eine vertraute Formensprache und der richtige Motorsound reichten aus. Das Gehirn ergänzte den Rest – und verwandelte ein vollständig fiktives Fahrzeug gedanklich in einen glaubwürdigen Grand-Prix-Wagen.

Der schwarze FGT war die letzte Trophäe

Wer Gran Turismo 4 wirklich vollständig absolvierte, bekam noch eine besondere Variante. Bei 100 Prozent Spielfortschritt wartete ein komplett schwarzer Formula Gran Turismo. Anders als die berühmten vier schwarzen Gruppe-C- und GT-Prototypen, die zu bestimmten Zeitpunkten bei den Gebrauchtwagenhändlern auftauchten, war dieser FGT direkt an die vollständige Bewältigung des Spiels gebunden.

Damit war er weniger ein zusätzliches Fahrzeug als eine digitale Trophäe. Gran Turismo 4 verlangte für 100 Prozent nicht nur Hunderte Rennen, sondern auch Meisterschaften, Lizenzprüfungen und Driving Missions. Wer den schwarzen FGT in seiner Garage stehen hatte, musste einen erheblichen Teil des wohl umfangreichsten Rennspiel-Karrieremodus seiner Generation bewältigt haben. Heute würde dafür ein Achievement aufleuchten. GT4 stellte stattdessen einen schwarzen Formelwagen in die Garage.

Vom historischen Versteckspiel zur eigenen Motorsportwelt

Gerade im Vergleich mit Gran Turismo 3 wird deutlich, wie groß der konzeptionelle Schritt war. GT3 fragte im Grunde: Wie lassen sich berühmte Formel-1-Autos in Gran Turismo integrieren, ohne sie offen als McLaren, Williams oder Lotus zu präsentieren? Die Antwort lautete F090/S, F688/S, F094/S oder Polyphony001. Reale Vorbilder wurden verändert, neutralisiert und unter neuen Namen fahrbar gemacht.

Gran Turismo 4 stellte eine andere Frage: Warum überhaupt noch ein bestimmtes reales Auto nachbauen? Der Formula Gran Turismo verwendete weiterhin alles, was die Formel 1 faszinierend machte, kombinierte aber Aerodynamik, Motorentechnik, Reifen und Elektronik aus unterschiedlichen Epochen zu einem eigenen Konzept. Aus dem Tarnnamen wurde eine Marke, aus dem Ersatz für Formel-1-Autos ein eigenständiges Gran-Turismo-Fahrzeug. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen GT3 und GT4.

Deshalb war der FGT glaubwürdiger als viele Fantasieautos

Bemerkenswert ist, wie wenig der Formula Gran Turismo damals wie ein klassisches Fantasieauto wirkte. Das lag auch an seinem Umfeld. Gran Turismo 4 stellte ihn nicht neben Raumschiffe oder völlig unrealistische Zukunftsprototypen. In derselben Garage standen reale Rennwagen wie der Bentley Speed 8, Toyota GT-One, Mazda 787B, Mercedes-Benz CLK-GTR oder BMW McLaren F1 GTR. Die Nordschleife war mit großem Aufwand digitalisiert worden, reale Fahrzeugdaten waren ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Spiels.

Mitten in dieser dokumentarisch wirkenden Welt stand der FGT. Seine Fantasie bestand außerdem nicht aus unmöglicher Technik. Jeder einzelne Baustein war grundsätzlich nachvollziehbar: V12-Saugmotor, Kohlefaser-Monocoque, pneumatische Ventilsteuerung, Slickreifen, Ground-Effect-Ideen, komplexe Flügel und elektronische Fahrerhilfen. Nur die Kombination hatte es nie gegeben. Genau deshalb wirkte sie so glaubwürdig und passte erstaunlich gut in ein Spiel, das ansonsten ständig den Anspruch erhob, reale Automobilgeschichte möglichst genau abzubilden.

GT5 brachte schließlich echte Formel 1 ins Spiel

In späteren Gran-Turismo-Teilen veränderte sich die Situation. Gran Turismo 5 enthielt mit dem Ferrari F2007 und dem Ferrari F10 schließlich zwei echte moderne Formel-1-Fahrzeuge unter ihren richtigen Namen. Plötzlich musste Polyphony keinen Grand-Prix-Wagen mehr verstecken oder vollständig selbst erfinden, um moderne F1-Technik darzustellen. Der Formula Gran Turismo kehrte trotzdem zurück und bekam dadurch sogar eine neue Rolle.

Neben realen Ferrari-Formelwagen war nun klarer denn je, dass der FGT keine Kopie, sondern eine eigene Fahrzeugklasse darstellte. Gleichzeitig ging Polyphony mit dem gemeinsam mit Adrian Newey entwickelten Red Bull X2010 noch wesentlich weiter. Der X2010 stellte die Frage, wie ein Rennwagen aussehen könnte, wenn beinahe alle technischen Regeln verschwänden. Der Formula Gran Turismo hatte diese Idee Jahre zuvor bereits vorsichtiger vorweggenommen – nur noch deutlich näher an der Ästhetik klassischer Formel-1-Autos.

Gran Turismo kehrte später zur Idee fiktiver Formelwagen zurück

Auch das Grundprinzip aus GT3 verschwand nicht vollständig aus der Serie. Polyphony griff später immer wieder auf fiktive Formelwagen zurück, die historische oder moderne Grand-Prix-Epochen interpretierten, ohne zwangsläufig ein einzelnes reales Auto vollständig nachzubilden. Damit lässt sich rückblickend eine ziemlich klare Entwicklungslinie ziehen, die schon weit vor den späteren Fantasieprototypen begann.

Gran Turismo 3 startete mit kaum verschleierten virtuellen Versionen berühmter Formel-1-Wagen. Gran Turismo 4 verwandelte diese Idee in eine eigenständige Konstruktion. Spätere Teile entwickelten daraus weitere historische und futuristische Formelkonzepte. Der Formula Gran Turismo steht genau in der Mitte dieser Geschichte. Er war der Moment, in dem Polyphony aufhörte, lediglich reale Formel-1-Autos umzubenennen, und begann, selbst ernsthaft Grand-Prix-Wagen zu entwerfen.

War der Formula Gran Turismo wirklich ein Formel-1-Wagen?

Im engeren Sinn lautet die Antwort eindeutig: nein. Er erfüllte kein konkretes Formel-1-Reglement seiner Zeit. Sein 3,5-Liter-V12 passte nicht zur Saison 2004, seine Slickreifen ebenfalls nicht. Andere technische Details stammten aus unterschiedlichen Epochen oder gingen bewusst über das hinaus, was im realen Grand-Prix-Sport erlaubt war. Genau deshalb lässt sich der Wagen keinem bestimmten Jahr und keiner konkreten technischen Formel eindeutig zuordnen.

Im kulturellen Sinn war er dagegen eindeutig ein Formel-1-Wagen. Seine Proportionen, seine Fahrleistungen, die Art seiner Meisterschaft, seine Lackierungen und sein gesamter Auftritt zielten auf genau diese Welt. Kein Spieler musste erklärt bekommen, was dieses Fahrzeug darstellen sollte. Vielleicht lässt sich der FGT deshalb am besten als fiktiver Grand-Prix-Wagen aus realen Formel-1-Bausteinen beschreiben. Er kopierte kein einzelnes Auto. Er kopierte die Idee der Formel 1.

Der Formula Gran Turismo war Polyphonys eigene Formel 1

Rückblickend macht gerade die Vorgeschichte aus Gran Turismo 3 den Formula Gran Turismo so interessant. F688/S war ein McLaren MP4/4, ohne so heißen zu dürfen. F687/S erinnerte unverkennbar an den Lotus 99T. F686/M transportierte die Idee des Williams FW11. F090/S brachte Sennas McLaren von 1990 ins Spiel. F094/S und F094/H interpretierten den Williams FW16 und seine Weiterentwicklung. In Europa wurden daraus die stärker verfremdeten Polyphony001 und Polyphony002.

Gran Turismo 4 brauchte dieses Versteckspiel nicht mehr. Polyphony nahm die Erfahrungen aus diesen Fahrzeugen, mischte mehrere Formel-1-Epochen miteinander und baute daraus seinen eigenen Rennwagen. Das Design gehörte nach 2004, der V12 eher nach 1994, die Slickreifen in eine andere Regelphase und der Unterboden in eine Welt mit größeren technischen Freiheiten. Auf dem Papier dürfte dieses Auto nie an einem realen Grand Prix teilnehmen. Auf der PlayStation 2 war genau das seine Stärke.

Denn ausgerechnet in einem Spiel, das für seine Liebe zu realen Autos berühmt wurde, gehörte eines der faszinierendsten Fahrzeuge zu denen, die niemals gebaut wurden. Der Formula Gran Turismo war keine schlechte Kopie der Formel 1.

Er war Gran Turismos eigene Formel 1.

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