Zeitraum: 15. bis 21. Oktober 2001

Nur einen Tag nach dem Saisonfinale in Suzuka begann für die Formel 1 bereits die Vorbereitung auf 2002. Die Autos standen still, doch die Themen wurden kaum weniger bedeutend. Mika Häkkinen sprach erstmals ausführlicher darüber, warum er seine Auszeit tatsächlich brauchte. Jean Alesi suchte nach seinem letzten Formel-1-Start bereits nach einer neuen Rennaufgabe. Und bei Prost GP wurde erstmals öffentlich ausgesprochen, wie ernst die finanziellen Schwierigkeiten des französischen Teams inzwischen waren.

Gleichzeitig blickten die großen Mannschaften nach vorn. McLaren setzte auf David Coulthard und den jungen Kimi Räikkönen, Ferrari wollte nach seiner dominanten Saison noch stärker werden und Williams sah sich nach vier Siegen endgültig wieder als ernsthaften WM-Kandidaten. Am Ende der Woche feierte Ferrari seine Saison in Monza noch einmal mit den Tifosi. Während dort Tausende den erfolgreichsten Rennstall des Jahres bejubelten, kämpfte wenige hundert Kilometer weiter westlich ein anderes Formel-1-Team bereits um seine Existenz.

Anzeige

Häkkinen beginnt seine Auszeit

Mika Häkkinen hatte Suzuka auf Rang vier beendet und David Coulthard kurz vor Schluss bewusst den letzten Podestplatz der Saison überlassen. Einen Tag später begann für den zweimaligen Weltmeister eine völlig neue Phase. Er sollte 2002 nicht mehr im McLaren sitzen und wusste selbst noch nicht, wie er auf ein Jahr ohne Formel 1 reagieren würde.

Häkkinen sprach offen darüber, dass ihm die Vorstellung eines normalen Alltags beinahe fremd vorkam. Vielleicht werde er nach wenigen Monaten zu Hause unbedingt wieder fahren wollen, vielleicht brauche er tatsächlich die vollständige Distanz zur Formel 1. Noch behandelte er seine Pause ausdrücklich nicht als endgültigen Rücktritt. Die Möglichkeit einer Rückkehr 2003 blieb bestehen.

Der Schritt war dennoch größer, als es während der Saison zunächst gewirkt hatte. Seit 1993 war Häkkinen Teil von McLaren, seit Ende 1994 Stammfahrer. Nun verließ er nach 20 Grand-Prix-Siegen und zwei Weltmeisterschaften vorerst jenes Team, mit dem seine gesamte erfolgreiche Formel-1-Karriere verbunden war.

Melbourne hatte mehr verändert als zunächst sichtbar war

Am selben Montag erklärte Häkkinen auch, dass sein Unfall beim Saisonauftakt in Melbourne eine wichtige Rolle bei seiner Entscheidung gespielt hatte. Beim Australien-Grand-Prix war an seinem McLaren bei hoher Geschwindigkeit die Aufhängung gebrochen. Häkkinen war nahezu ungebremst in die Reifenstapel eingeschlagen.

Der Unfall hatte Erinnerungen an Adelaide 1995 geweckt. Damals war Häkkinen nach einem schweren Trainingsunfall lebensgefährlich verletzt worden und hatte mehrere Tage im Krankenhaus verbracht. In Melbourne 2001 blieb er körperlich weitgehend unverletzt, doch der Einschlag belastete ihn stärker, als nach außen sichtbar geworden war. Häkkinen erklärte später, sein Helm sei beim Aufprall sogar beschädigt worden.

Damit bekam seine schwierige Saison rückblickend einen anderen Kontext. Zahlreiche technische Defekte, verlorene Siegchancen und der wachsende Wunsch nach mehr Zeit mit seiner Familie hatten sich über Monate addiert. Indianapolis zeigte zwar noch einmal, dass Häkkinen unverändert auf höchstem Niveau gewinnen konnte. Der Wunsch nach Abstand war dadurch aber nicht verschwunden.

Ferrari und Williams geraten nach Suzuka noch einmal aneinander

Auch das letzte Rennen der Saison wirkte in die neue Woche hinein. Rubens Barrichello kritisierte Ralf Schumacher scharf für dessen Verteidigung im Kampf um Rang fünf. In Suzuka hatte der Williams-Pilot eine Schikane abgekürzt, nachdem Barrichello zum Überholen angesetzt hatte. Später erhielt Ralf Schumacher eine Stop-and-Go-Strafe.

Anzeige

Barrichello bezeichnete seinen Rivalen anschließend als schlechten Verlierer und erklärte, ihm mache ein direkter Kampf mit Juan Pablo Montoya deutlich mehr Freude. Der Brasilianer hatte im Saisonfinale unbedingt gewinnen müssen, um noch eine theoretische Chance auf Rang zwei der Fahrerweltmeisterschaft zu besitzen. Stattdessen wurde er Fünfter, Ralf Schumacher unmittelbar hinter ihm Sechster.

Der Wortwechsel war sportlich nicht mehr entscheidend. Er zeigte aber, wie aufgeladen die Schlussphase der Saison gewesen war. Ferrari hatte seinen Vorsprung längst abgesichert, während Williams in der zweiten Jahreshälfte regelmäßig auf Augenhöhe kämpfte. Für 2002 deutete sich damit ein deutlich engerer Dreikampf zwischen Ferrari, McLaren und Williams an.

Prost bestätigt ernste finanzielle Schwierigkeiten

Am Mittwoch rückte ein ganz anderes Thema in den Mittelpunkt. Alain Prost bestätigte öffentlich, dass sein Team erhebliche finanzielle Probleme hatte. Seine Abwesenheit beim Saisonfinale in Suzuka hatte bereits Gerüchte ausgelöst, Prost GP könne unmittelbar vor dem Zusammenbruch stehen. Der viermalige Weltmeister widersprach zwar dieser Zuspitzung, bestritt die Schwierigkeiten selbst aber nicht.

Seit dem Rückzug des Hauptsponsors Gauloises fehlte Prost eine stabile finanzielle Basis. 2001 hatte sich das Team sportlich gegenüber dem katastrophalen Vorjahr verbessert und vier WM-Punkte gesammelt. Jean Alesi hatte in Monaco, Kanada und Hockenheim gepunktet, später war Heinz-Harald Frentzen verpflichtet worden. Die Ergebnisse reichten jedoch nicht aus, um die wirtschaftliche Situation grundlegend zu verändern.

Prost erklärte, man prüfe mehrere Möglichkeiten für neue Investoren. Ein ernsthafter Partner müsse nach seiner Einschätzung mindestens 150 Millionen französische Francs – damals etwa 25 Millionen US-Dollar – einbringen. Selbst der Ferrari-Motorenvertrag für 2002 war zu diesem Zeitpunkt nur zu etwa 80 Prozent finanziell abgesichert.

Frentzens Verpflichtung reicht nicht als Rettung

Gerade die Verpflichtung von Heinz-Harald Frentzen sollte eigentlich einen Neustart einleiten. Der Deutsche war nach seinem überraschenden Jordan-Aus mitten in der Saison zu Prost gewechselt und hatte im schwierigen AP04 mehrfach gezeigt, dass das Auto mehr Potenzial besaß, als die Ergebnisse vermuten ließen.

Alain Prost verwies deshalb ausdrücklich auf den neuen sportlichen Impuls rund um Frentzen. Die Vorstellung, das Team könne unmittelbar verschwinden, hielt er für schädlich bei der Suche nach Sponsoren und Investoren. Doch die Situation war strukturell schwieriger als ein gewöhnliches Finanzierungsloch.

Der wirtschaftliche Abschwung nach den Anschlägen vom 11. September machte die Sponsorensuche zusätzlich kompliziert. Gleichzeitig kostete ein Formel-1-Programm inzwischen Summen, die für unabhängige Mannschaften immer schwerer aufzubringen waren. Was in KW 42 noch als Krise mit möglichen Lösungen erschien, sollte sich in den kommenden Monaten dramatisch zuspitzen.

Anzeige

Alesi hört nur mit der Formel 1 auf

Jean Alesis Unfall in Suzuka hatte seine Formel-1-Karriere beendet, nicht aber seinen Wunsch nach Motorsport. Am Mittwoch machte der Franzose deutlich, dass er auch 2002 weiter Rennen fahren wollte.

Welche Serie infrage kam, ließ er offen. Alesi schloss grundsätzlich kaum etwas aus, solange ein Fahrzeug Räder und ein Lenkrad besaß. Neben einer möglichen Rolle bei Jordan wurden insbesondere amerikanische Rennserien als Alternative gehandelt. Michael Schumacher äußerte allerdings Bedenken gegen einen Wechsel seines Freundes auf die schnellen Ovalstrecken in den USA.

Der Abschied aus der Formel 1 fiel Alesi trotzdem schwer. 201 Grands Prix, fünf Jahre bei Ferrari und eine Karriere als einer der populärsten Fahrer seiner Generation lagen hinter ihm. Dass sein letztes Rennen bereits nach wenigen Runden durch die Kollision mit Räikkönen endete, entsprach kaum dem Abschied, den er sich vorgestellt hatte.

Zanardi blickt erstmals nach vorn

Ebenfalls am Mittwoch kamen weitere positive Nachrichten von Alex Zanardi. Mehr als einen Monat nach seinem schweren Unfall auf dem Lausitzring erklärte der frühere Formel-1-Pilot, er sei vor allem glücklich, noch am Leben zu sein.

Zanardi hatte bei der Kollision beide Beine verloren und mehrere Tage in kritischem Zustand gelegen. Inzwischen hatte er die akute Lebensgefahr überstanden und begann, seine neue Situation anzunehmen. Besonders dankbar äußerte er sich über die Arbeit der Ärzte und Pfleger in Berlin. Sein unmittelbarstes Ziel war zu diesem Zeitpunkt erstaunlich schlicht: Er wollte wenige Tage später seinen 35. Geburtstag erleben und Weihnachten mit seiner Familie verbringen.

Für die Formel 1 blieb Zanardis Entwicklung auch nach Saisonende ein wichtiges Thema. Viele Fahrer kannten ihn aus seiner Zeit bei Jordan, Minardi, Lotus und Williams persönlich. Die ersten Wochen seiner Genesung wurden deshalb im gesamten Fahrerlager aufmerksam verfolgt.

Häkkinen reicht den Staffelstab an Räikkönen weiter

Am Donnerstag blickte Häkkinen bereits auf seinen Nachfolger. Kimi Räikkönen war einen Tag zuvor 22 Jahre alt geworden und sollte 2002 nach nur einer Formel-1-Saison von Sauber zu McLaren wechseln.

Häkkinen zeigte keinerlei Zweifel daran, dass sein Landsmann mit der neuen Aufgabe zurechtkommen würde. McLaren könne Räikkönen die technische und personelle Unterstützung geben, die ein junger Fahrer benötige. Gleichzeitig warnte er indirekt davor, den Wechsel zu einfach zu sehen: Räikkönen müsse innerhalb des Teams seinen eigenen Weg finden und lernen, die richtigen Menschen um sich zu versammeln.

Der Kontrast war bemerkenswert. Anfang 2001 hatten viele Beobachter noch bezweifelt, dass Räikkönen mit lediglich 23 vorherigen Einsitzer-Rennen überhaupt für die Formel 1 bereit sei. Neun WM-Punkte und Rang vier mit Sauber in der Konstrukteurswertung später übernahm er das Cockpit eines zweimaligen Weltmeisters.

Anzeige

Alesi kritisiert die moderne Formel 1

Am Samstag meldete sich Alesi noch einmal mit einer grundsätzlichen Kritik am Sport zu Wort. Die Formel 1 sei zu steril geworden, Rennen böten zu wenige Überholmanöver und zu wenig unmittelbare Emotion. Gerade den wachsenden Abstand zwischen Fahrern und Zuschauern sah er kritisch.

Alesi gehörte zu einer Generation, die den Kontakt zum Publikum deutlich unmittelbarer erlebt hatte. Für ihn waren nicht nur Siege entscheidend, sondern auch Situationen, in denen Fans an einer Strecke spontan auf einen Fahrer reagierten. Die zunehmende Abschottung der Formel 1 betrachtete er deshalb skeptisch.

Seine Aussagen passten zu seinem eigenen Ruf. Alesi hatte nur einen Grand Prix gewonnen, war aber über Jahre hinweg einer der populärsten Fahrer des Feldes geblieben. Seine aggressive Fahrweise und sichtbare Emotionalität hatten ihm eine Anhängerschaft eingebracht, die deutlich größer war, als seine reine Statistik vermuten ließ.

Ferrari holt die ausgefallene Feier nach

Am Sonntag schloss sich für Ferrari schließlich ein Kreis. Rund einen Monat nach dem ungewöhnlich stillen Italien-Grand-Prix kehrte die Mannschaft nach Monza zurück, diesmal ausdrücklich zum Feiern.

Michael Schumacher, Rubens Barrichello und Testfahrer Luca Badoer absolvierten Demonstrationsrunden vor mehreren Tausend Tifosi. Ferrari zeigte Boxenstopps, Burnouts und Donuts. Präsident Luca di Montezemolo und Teamchef Jean Todt waren ebenso anwesend wie große Teile der Mannschaft.

Die Veranstaltung war gewissermaßen die Feier, die beim Grand Prix im September nicht möglich gewesen war. Nach den Anschlägen vom 11. September hatte Ferrari damals auf Sponsorenlogos verzichtet, die Fahrzeugnasen schwarz lackiert und alle geplanten Feierlichkeiten abgesagt.

Nun konnte das Team den sportlichen Erfolg nachholen: neun Siege für Schumacher, beide Weltmeisterschaften und 179 Punkte in der Konstrukteurswertung. Schumacher selbst bezeichnete 2001 in Monza als außergewöhnliches Jahr – und erwartete für die folgende Saison vor allem Widerstand von McLaren und Williams.

KW 42: Die Saison ist vorbei, der nächste Kampf beginnt

Eine Woche nach Suzuka war die Formel 1 bereits sichtbar in die nächste Phase übergegangen. Häkkinen begann seine Auszeit und erklärte, warum er sie tatsächlich brauchte. Räikkönen bereitete sich auf den Schritt zu McLaren vor. Alesi suchte nach einem neuen Kapitel außerhalb der Formel 1 und Ferrari konnte endlich jene Saison feiern, die sportlich bereits seit Monaten entschieden gewesen war.

Anzeige

Gleichzeitig zeigte Prost GP die andere Seite der Königsklasse. Sportliche Fortschritte und ein prominenter Fahrer wie Frentzen garantierten längst nicht mehr das wirtschaftliche Überleben eines unabhängigen Teams. Die Kosten stiegen, Sponsoren wurden vorsichtiger und Herstellerprojekte gewannen immer mehr Gewicht.

Damit begann die Nachgeschichte der Saison 2001 fast unmittelbar nach ihrem letzten Rennen. Auf der einen Seite standen Ferrari, McLaren und Williams, die bereits über den nächsten Titelkampf sprachen. Auf der anderen Seite kämpfte Prost darum, überhaupt noch am Start zu stehen.

KW 42 machte sichtbar, wie schnell die Formel 1 nach einem Saisonfinale weiterzieht. Nur wenige Tage nach den Abschieden von Suzuka gehörte 2001 bereits der Vergangenheit an – und die ersten Geschichten der Saison 2002 hatten längst begonnen.

// Motorsport-Geschichte Netzwerk

Das könnte dich auch interessieren

Anzeige
Cookie Consent mit Real Cookie Banner