Am 9. Oktober 2005 startete Kimi Räikkönen beim Großen Preis von Japan nur von Position 17. 53 Runden später gewann er. Der McLaren-Pilot arbeitete sich durch das Feld, überholte Michael Schumacher außen in der ersten Kurve und holte in der Schlussphase mehr als fünf Sekunden auf Giancarlo Fisichella auf. Die Entscheidung fiel erst zu Beginn der letzten Runde – mit einem der berühmtesten Überholmanöver der Formel-1-Geschichte.
Ein Rennen, das eigentlich schon verloren schien
Als Kimi Räikkönen am Sonntag in Suzuka auf seinen 17. Startplatz rollte, ging es für ihn nicht mehr um die Fahrer-Weltmeisterschaft. Fernando Alonso hatte den Titel bereits zwei Wochen zuvor in Brasilien entschieden. Noch offen war dagegen die Konstrukteurs-WM: McLaren-Mercedes führte Renault vor dem Japan-Grand-Prix mit 164 zu 162 Punkten. Für beide Teams zählte damit jeder Platz.
Eigentlich hätte die Ausgangslage für McLaren günstig sein müssen. Der MP4-20 war besonders in der zweiten Saisonhälfte häufig das schnellste Auto im Feld gewesen. Doch Suzuka stellte die Kräfteverhältnisse zunächst auf den Kopf. Räikkönen stand auf Position 17, Teamkollege Juan Pablo Montoya direkt dahinter. Alonso begann das Rennen nur einen Platz vor dem Finnen. Ausgerechnet Giancarlo Fisichella im zweiten Renault startete dagegen als Dritter.
Der Regen macht aus dem Qualifying eine Lotterie
Das damalige Qualifying hatte wenig mit dem später üblichen Ausscheidungsformat zu tun. Jeder Fahrer erhielt genau eine schnelle Runde. Gestartet wurde einzeln, und weil die Reihenfolge an das Ergebnis des vorherigen Rennens gekoppelt war, kamen die erfolgreichen Fahrer spät an die Reihe. Genau das wurde ihnen in Suzuka zum Verhängnis: Während frühere Starter noch vergleichsweise günstige Bedingungen vorfanden, wurde der Regen immer stärker.
Ralf Schumacher nutzte das Zeitfenster und stellte den Toyota mit 1:46,106 Minuten auf Pole, lediglich 0,035 Sekunden vor Jenson Button. Räikkönen musste seine Runde im heftigen Regen absolvieren und fuhr lediglich 2:02,309 Minuten. Zusätzlich hatte McLaren vor dem Wochenende wegen eines Motorwechsels eine Rückversetzung um zehn Startplätze hinnehmen müssen. In der endgültigen Startaufstellung stand Räikkönen damit auf Rang 17. Alonso war 16., Montoya 18.
Ralf Schumacher führt – dahinter beginnt das Chaos
Am Sonntag war Suzuka wieder trocken. Ralf Schumacher verteidigte beim Start die Führung, während Button schlecht wegkam und Fisichella bereits vor der ersten Kurve auf Rang zwei vorbeizog. Dahinter brach unmittelbar Unruhe aus. Rubens Barrichello kam in Turn 1 von der Strecke und geriet dabei mit Takuma Sato aneinander. Im hinteren Feld suchten Alonso, Räikkönen, Michael Schumacher und Montoya gleichzeitig nach Lücken.
Räikkönen erwischte trotz des Gedränges eine starke erste Runde. Aus Position 17 wurde Rang zwölf. Noch spektakulärer war Alonso, der sich von 16 auf acht nach vorne arbeitete. Für Montoya endete das Rennen dagegen noch vor Abschluss der ersten Runde: Im Kampf mit Jacques Villeneuve kam der McLaren von der Strecke ab und schlug in die Reifenstapel ein. Die Rennleitung schickte das Safety-Car hinaus.
Das Safety-Car zerstört Toyotas Plan
Was Räikkönen Zeit zum Sortieren verschaffte, war für Ralf Schumacher ein Problem. Toyota hatte seinen Polesetter mit einer aggressiven Dreistoppstrategie ins Rennen geschickt. Dafür musste Schumacher mit leichtem Auto früh einen Vorsprung aufbauen. Nach dem Unfall Montoyas wurde das Feld jedoch für mehrere Runden hinter dem Safety-Car zusammengeführt.
Beim Neustart begann deshalb ein völlig anderes Rennen. Ralf führte zwar weiterhin vor Fisichella, Button und David Coulthard, hatte aber keinen strategischen Puffer mehr. Weiter hinten begann Räikkönens Aufholjagd konkret zu werden. Innerhalb weniger Runden arbeitete er sich an Felipe Massa, Antonio Pizzonia und Jacques Villeneuve vorbei und rückte erstmals in Richtung Punkteränge vor.
Stück für Stück Richtung Spitze
Räikkönens Rennen wirkte zunächst weniger spektakulär als das von Alonso. Der Renault-Pilot attackierte wesentlich sichtbarer, musste allerdings einen Teil seiner Arbeit wiederholen. Bei einem Angriff auf Christian Klien kürzte Alonso die Schikane ab, gab den Platz zunächst zurück und überholte unmittelbar danach erneut. Die Rennleitung verlangte später, Klien ein weiteres Mal vorbeizulassen.
Räikkönen nutzte währenddessen seine Möglichkeiten ohne unnötiges Risiko. Auch Klien fiel seinem Vormarsch zum Opfer. Wenig später fuhr der McLaren-Pilot bereits Rundenzeiten, die deutlich machten, welches Potenzial im MP4-20 steckte. Vor ihm befanden sich nun unter anderem Michael Schumacher und Alonso. Aus dem Fahrer, der als 17. gestartet war, war innerhalb weniger grüner Rennrunden ein Kandidat für die Spitzengruppe geworden.
Alonso zeigt in 130R, was möglich ist
Das vielleicht spektakulärste Einzelmanöver des Rennens gehörte zunächst Fernando Alonso. Der neue Weltmeister hing mehrere Runden hinter Michael Schumachers Ferrari fest. Auf der Geraden, in der ersten Kurve und vor der Schikane verteidigte Schumacher geschickt. Dann griff Alonso an einer Stelle an, an der ein Überholversuch kaum vorstellbar war.
In Runde 20 setzte sich der Renault in der ultraschnellen 130R außen neben den Ferrari und fuhr an Schumacher vorbei. Räikkönen saß unmittelbar dahinter und bekam damit gleichzeitig demonstriert, wie stark Alonso und der Renault an diesem Nachmittag waren. Doch für McLaren eröffnete sich ebenfalls eine Chance: Schumacher wurde nun zum nächsten Hindernis des Finnen.
Schumacher hält Räikkönen zunächst auf
Räikkönen war schneller als der Ferrari, konnte diesen Vorteil aber zunächst nicht nutzen. Im schnellen ersten Streckenabschnitt verlor der McLaren im turbulenten Luftstrom Abtrieb an der Vorderachse und damit genau die Nähe, die für einen Angriff nötig gewesen wäre. Gleichzeitig half Räikkönen seine Strategie: McLaren hatte genügend Kraftstoff an Bord, um den ersten Stint deutlich länger auszudehnen als viele unmittelbare Konkurrenten.
Als Alonso und weitere Fahrer ihre ersten Stopps absolvierten, rückten Schumacher und Räikkönen zeitweise sogar an die Spitze. Beide kamen schließlich gemeinsam an die Box. Ferrari fertigte Schumacher schneller ab, sodass sich an der Reihenfolge zunächst nichts änderte. Fisichella führte nun – doch Räikkönens Rennen begann gerade erst richtig Gestalt anzunehmen.
Außen vorbei an Michael Schumacher
Vier Runden nach dem Boxenstopp bekam Räikkönen seine Gelegenheit. Schumacher verlor beim Verteidigen etwas Schwung, und der McLaren kam mit höherem Tempo auf die Start-und-Ziel-Gerade. Schumacher deckte die Innenseite für Turn 1 ab. Räikkönen wählte die andere Möglichkeit.
Der Finne blieb außen, verzögerte spät und fuhr neben dem Ferrari durch die erste Kurve. Diesmal konnte Schumacher die Position nicht halten. Räikkönen lag nun auf Rang vier und setzte sich sofort ab. Wenig später überholte auch Alonso den Ferrari. Suzuka zeigte damit deutlich das Kräfteverhältnis der Saison: Ferrari konnte die Angriffe zeitweise blockieren, das Tempo von McLaren und Renault aber nicht dauerhaft mitgehen.
Button und Webber werden zum nächsten Problem
Vor Räikkönen lagen Jenson Button und Mark Webber. Der McLaren war schneller, doch Überholen blieb in Suzuka auch mit deutlichem Tempovorteil schwierig. Webber wiederum hing hinter Button fest. So entstand eine kleine Gruppe, deren Zeitverlust für Fisichella an der Spitze ideal war. Der Renault-Pilot vergrößerte seinen Vorsprung zeitweise auf fast 20 Sekunden.
Für Räikkönen bedeutete das: Der Sieg ließ sich nicht mehr allein durch Überholmanöver gewinnen. McLaren musste den Vorteil des MP4-20 über die Strategie freisetzen. Alonso war inzwischen ebenfalls wieder in Reichweite, stoppte aber früher zum zweiten Mal. Räikkönen blieb draußen. Dieser Unterschied sollte entscheidend werden.
McLaren verschiebt die Entscheidung nach hinten
Fisichella absolvierte seinen zweiten Stopp und kehrte weiterhin in einer starken strategischen Position auf die Strecke zurück. Räikkönen musste ebenfalls noch einmal stoppen. Als Button und Webber schließlich gleichzeitig an die Box fuhren, hatte der Finne endlich freie Strecke vor sich.
Nun zeigte der MP4-20 sein volles Potenzial. Räikkönen fuhr mehrere extrem schnelle Runden und drückte die Zeiten in den Bereich von 1:31 Minuten. In Runde 44 folgte eine 1:31,540 Minuten – die schnellste Runde des gesamten Grand Prix. Jede Zehntelsekunde war jetzt entscheidend, denn der zweite Boxenstopp würde bestimmen, wie groß der Rückstand auf Fisichella für den letzten Sprint sein würde.
Runde 45: 5,4 Sekunden fehlen zum Sieg
Am Ende der 45. Runde bog Räikkönen schließlich in die Boxengasse ein. McLaren absolvierte den kurzen Tankstopp und schickte den Finnen wieder auf die Strecke. Fisichella war vorbei. Acht Runden vor Schluss betrug der Rückstand rund fünfeinhalb Sekunden.
Unter normalen Umständen war das ein komfortabler Vorsprung. Doch die Rundenzeiten erzählten eine andere Geschichte. Räikkönen war auf der freien Strecke deutlich schneller. Runde für Runde schrumpfte die Lücke. Wenige Umläufe vor Schluss waren aus mehr als fünf Sekunden weniger als zwei geworden. Anschließend befand sich der McLaren direkt im Windschatten des Renault. Der scheinbar sichere Sieg Fisichellas war innerhalb weniger Minuten zu einem direkten Duell geworden.
Fisichella beginnt zu verteidigen
Nun änderte sich das Rennen erneut. Solange Fisichella seine eigenen Linien fahren konnte, ließ sich Räikkönens Geschwindigkeitsüberschuss zumindest teilweise kontrollieren. Sobald der Renault jedoch verteidigen musste, verlor der Italiener Zeit. Vor allem vor der letzten Schikane wurde das problematisch: Wer dort die Innenseite schützte und früh verlangsamte, opferte den Ausgang auf die lange Start-und-Ziel-Gerade.
In der vorletzten Runde versuchte Räikkönen bereits einen Angriff in Richtung Turn 1. Fisichella hielt ihn noch hinter sich. Gleichzeitig wusste der Renault-Pilot, dass nur noch wenige Kilometer zu fahren waren. Räikkönen wiederum brauchte nur eine einzige saubere Gelegenheit.
Der Fehler vor der letzten Runde
Fisichella musste in der Schikane vor Start und Ziel erneut verteidigen. Genau diese Verteidigung bereitete jedoch den nächsten Angriff vor. Der Renault kam schlechter aus der langsamen Passage heraus. Räikkönen beschleunigte näher an das Heck des R25 heran und bekam auf der Geraden Windschatten.
Fisichella zog nach rechts und deckte die Innenseite der ersten Kurve ab. Räikkönen deutete zunächst ebenfalls diese Richtung an, wechselte dann aber nach links. Dort war nur noch die Außenbahn frei. Es war dieselbe Grundidee, mit der er zuvor bereits Schumacher überholt hatte – diesmal allerdings im Kampf um die Führung, bei deutlich höherem Tempo und zu Beginn der letzten Runde.
Außen in Turn 1 – und plötzlich führt Räikkönen
Räikkönen blieb voll im Angriff. Der McLaren zog außen neben den Renault, beide Autos fuhren nahezu gleichzeitig auf Turn 1 zu. Fisichella hatte die kürzere Linie, Räikkönen jedoch mehr Geschwindigkeit. Der Finne hielt den MP4-20 außen und war vor dem Übergang in die zweite Kurve vorbei.
Nach 52 Runden Aufholjagd hatte das Rennen seinen neuen Führenden – zu einem Zeitpunkt, an dem Fisichella praktisch keine Gelegenheit mehr für eine Antwort hatte. Räikkönen brachte die verbleibenden Kilometer kontrolliert zu Ende und überquerte die Ziellinie nach 1:29:02,212 Stunden. Fisichella folgte 1,633 Sekunden später. Alonso komplettierte nach seiner eigenen spektakulären Aufholjagd das Podium.
Von 17 auf 1 – aber kein reiner Durchmarsch
Gerade die Entstehung des Sieges macht Suzuka 2005 bemerkenswert. Räikkönen gewann nicht, indem er 16 Gegner nacheinander auf der Strecke überholte. Die erste Runde, das Safety-Car, seine lange erste Tankfüllung, freie Runden vor dem zweiten Stopp und die unterschiedlichen Boxenfenster waren ebenso wichtig wie seine Überholmanöver. McLaren nutzte das Tempo des MP4-20 dort, wo freie Strecke zur Verfügung stand.
Trotzdem musste Räikkönen zentrale Positionen selbst erkämpfen. Mehrere Fahrer fielen frühen Angriffen zum Opfer. Michael Schumacher wurde außen in Turn 1 überholt. Und am Ende musste auch Fisichella auf der Strecke geschlagen werden. Genau die Mischung aus Rennpace, Geduld, Strategie und Attacke machte den Sieg außergewöhnlich.
Rennergebnis – Suzuka
9. Oktober 2005 · Suzuka International Racing Course · 53 Runden
Ein Sieg, der McLaren trotzdem nicht die WM-Führung brachte
Räikkönen feierte seinen siebten Saisonsieg und den zehnten Erfolg für McLaren-Mercedes 2005. Gleichzeitig begrenzte Renault den Schaden maximal. Fisichella wurde Zweiter, Alonso Dritter. Weil Montoya bereits in der ersten Runde ausgeschieden war, übernahm Renault sogar wieder die Führung in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft: 176 zu 174 Punkte vor dem Finale in China.
Für Räikkönen blieb damit ein seltsamer Kontrast. Die Fahrer-WM war bereits verloren, obwohl McLaren inzwischen häufig das schnellste Auto besaß. In Suzuka zeigte der Finne noch einmal, warum die Saison trotzdem zu seinen stärksten gehörte. Der MP4-20 war schnell, aber nicht immer zuverlässig gewesen. In Japan funktionierte diesmal alles: Strategie, Reifen, Renntempo – und ein Fahrer, der aus Startplatz 17 noch einen Sieg machte.
Warum Suzuka 2005 bis heute herausragt
Es war nicht allein Startplatz 17. Auch nicht nur der letzte Angriff auf Fisichella. Suzuka 2005 verband nahezu alles, was ein außergewöhnliches Formel-1-Rennen ausmacht: eine durch Wetter durcheinandergebrachte Startaufstellung, unterschiedliche Strategien, ein Safety-Car, mehrere Spitzenfahrer auf Aufholjagd und Überholmanöver an Stellen, an denen normalerweise kaum überholt wurde.
Alonsos Angriff außen in 130R wurde zu einem der Bilder des Rennens. Räikkönen beantwortete ihn mit zwei Außenmanövern in Turn 1 – das zweite davon um den Sieg, als bereits die letzte Runde begonnen hatte. Aus einem Rennen, das am Samstag praktisch verloren schien, wurde einer der prägnantesten Siege seiner McLaren-Zeit.
In der Statistik steht lediglich: Startplatz 17, Platz eins.
Die 53 Runden dazwischen erklären, warum Suzuka 2005 weit mehr als nur eine außergewöhnliche Zahl geblieben ist.
