Wenn wir heute an Stadtkurse denken, sehen wir enge 90-Grad-Kurven in Singapur oder Baku vor uns. Aber es gab eine Zeit, da bedeutete „Stadtkurs“ in Deutschland etwas völlig anderes: Zwei fast unendliche Geraden, verbunden durch eine Haarnadel und eine furchterregende Steilwand aus rotem Backstein.

Willkommen auf der AVUS (Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße).

Sie ist vielleicht die kurioseste Strecke, auf der die Formel 1 je fuhr. Nur ein einziges Mal (1959) machte die Königsklasse hier Halt, aber die Bilder der roten Ferraris, die hoch oben in der Steilkurve fast senkrecht zum Boden klebten, gehören zum spektakulärsten Erbe des Motorsports.

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Das Layout: Einfachheit trifft Wahnsinn

Das Layout der AVUS war von einer brutalen Simplizität. Die Strecke bestand im Grunde aus zwei parallelen Geraden der heutigen Autobahn A115 im Berliner Grunewald.

  • Länge: 8,3 Kilometer (im Jahr 1959).
  • Die Südkurve: Eine simple Haarnadelkurve, um die Autos zu wenden.
  • Die Nordkurve: Das Herzstück und der Angstgegner.

Während moderne Rennstrecken Auslaufzonen haben, hatte die Nordkurve der AVUS… den Himmel. Es war eine 43 Grad steile Steilkurve, gepflastert mit rutschigen Klinkersteinen. Das Gefährlichste daran: Es gab am oberen Rand keine Leitplanke. Wer zu schnell war oder einen Fehler machte, flog buchstäblich über den Rand in den Abgrund. Die Fahrer nannten sie ehrfurchtsvoll die „Mauer des Todes“.

Der Grand Prix von 1959: Ferrari-Land

Das Jahr 1959 markierte einen Wendepunkt in der F1-Technik (Mittelmotor vs. Frontmotor), aber die AVUS war ein letztes Hurra für die alte Schule.

Auf den endlosen Geraden zählte nur eines: Rohe Power. Die grazilen, modernen Cooper-Mittelmotorwagen waren in den Kurven zwar schneller, wurden aber auf den Geraden von den mächtigen Frontmotor-Dinos von Ferrari (dem Dino 246) gnadenlos aufgefressen.

Das Rennen war so schnell und belastend für die Reifen, dass die Rennleitung eine heute ungewöhnliche Entscheidung traf:

Der Modus: Um Reifenplatzer bei den extremen Geschwindigkeiten zu verhindern, wurde der Grand Prix nicht am Stück gefahren, sondern in zwei Hitzeläufen (Heats) ausgetragen. Die Zeiten wurden am Ende addiert.

Das Ergebnis war ein totaler Triumph für Ferrari. Tony Brooks, Dan Gurney und Phil Hill belegten die Plätze 1, 2 und 3. Es war ein Hochgeschwindigkeits-Schaulaufen auf deutschem Boden.

Tragödie im Vorprogramm

Der Mythos der AVUS als „Killer-Strecke“ wurde an diesem Wochenende jedoch auf traurige Weise zementiert. Einen Tag vor dem Formel-1-Rennen, beim Sportwagenrennen, verlor der beliebte französische Pilot Jean Behra in der glitschigen Nordkurve die Kontrolle über seinen Porsche.

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Sein Wagen schleuderte über den ungesicherten oberen Rand der Steilwand. Behra wurde herausgeschleudert und war sofort tot. Sein Tod warf einen dunklen Schatten über das F1-Rennen am Sonntag und war der Anfang vom Ende für die Steilkurve.

Strecken-Datenblatt

1959
Strecke
AVUS (Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße)
Ort
Berlin (West), Deutschland
Typ
Temporärer Straßenkurs (Autobahn A115)
Länge
8,30 km
GP-Sieger ’59
Tony Brooks (Ferrari Dino 246)
Besonderheit
43° Steilkurve aus Klinkersteinen (ohne Barriere)
Status Heute
Aktive Autobahn; Nordkurve 1967 abgerissen

Warum die AVUS unvergessen bleibt

Die AVUS war ein Produkt ihrer Zeit. Im geteilten Berlin war sie ein Symbol für Freiheit und Geschwindigkeit. Sie war primitiv, brutal schnell und unverzeihlich. Schon kurz nach 1959 wurde die Steilkurve als zu gefährlich eingestuft und später abgetragen.

Heute rasen Pendler auf der A115 über den Asphalt, wo einst Tony Brooks triumphierte. Aber wer genau hinsieht, entdeckt noch die alte hölzerne Zuschauertribüne und das runde Motel am Funkturm – stumme Zeugen einer Ära, in der Mut wichtiger war als Aerodynamik.

Das könnte dich auch interessieren:

Die Steilkurve ist Geschichte – die Erinnerung soll bleiben. Die AVUS-Nordkurve wurde längst abgerissen, und viele Geschichten aus der wilden Zeit der Formel 1 drohen in Vergessenheit zu geraten. Ich investiere viel Herzblut, Zeit und Recherche, um diese „Lost Places“ des Motorsports auf Formel1-geschichte.de digital zu konservieren. Wenn Ihnen diese Zeitreise gefallen hat, würde ich mich riesig freuen, wenn Sie mir dabei helfen, den Motor am Laufen zu halten. Jeder Euro fließt direkt in den Erhalt der Seite und neue Recherchen.

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